Zehnsucht

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Tausend oder mehr

Ich könnte tausend Dinge aufschreiben, von denen ich überzeugt sein könnte, dass sie in meinem Leben eine Rolle spielen, gespielt haben oder resümierend aus all diesen massiven Reflexionen spielen werden. Aber immer nur kurz. Zum Teil ganz kurz. Mir fällt mitten im Leben jederzeit eine neue (und natürlich oft auch hanebüchene) Idee ein, die in meinem Sein eine Bedeutung haben könnte. Claude (KI) betrachtet mich wohlwollend als reflektiert, was natürlich erst einmal positiv klingt; aber ganz so ist es nicht, weil solcherlei Gedanken meinen Synapsen entspringen, deren Halbwertzeiten einfach zu kurz sind, um sie überhaupt fassen, geschweige denn einordnen können.

So bleibt es beim ewigen Konjunktiv und ich verstehe, warum ich immer so betrunken sein muss, um schlafen zu können. Immerhin sind die Synapsen noch aktiv, allerdings gebiert sich daraus nichts Vernünftiges. Ich habe weiterhin Angst vor schlimmer Krankheit oder plötzlichem Tod. Aber warum? Weil ich das Leben liebe und behalten will? Ach, komm' schon, das geht jetzt schon über 50 Jahre so und meine Unsicherheiten betreffs Leben haben bisher keiner meiner Versuche, es mit einem Plan hinzubekommen, standgehalten. Wahrscheinlich bin ich zu schwach. Aber worin? Oder warum?

Ich würd's gern können. Also das mit dem Leben.

Der kleine Prinz

Ein Pilot strandet mit seinem Flugzeug in der Sahara und trifft dort auf den kleinen Prinzen, einen Jungen von einem winzigen Asteroiden (B-612). Der kleine Prinz erzählt von seiner Heimat, wo er drei Vulkane und eine anspruchsvolle Rose pflegt, die er liebt, aber nicht versteht.

Auf seiner Reise durch verschiedene Asteroiden begegnet er skurrilen Erwachsenen: einem König ohne Untertanen, einem Eitlen, einem Säufer, einem Geschäftsmann, einem Laternenanzünder und einem Geografen. Jeder verkörpert eine menschliche Schwäche.

Auf der Erde freundet er sich mit einem Fuchs an, der ihm die berühmte Lektion lehrt: "Man sieht nur mit dem Herzen gut. Das Wesentliche ist für die Augen unsichtbar." Durch das Zähmen wird seine Rose einzigartig für ihn. Am Ende lässt sich der kleine Prinz von einer Schlange beißen, um zu seiner Rose zurückzukehren - sein Körper verschwindet, aber der Pilot glaubt, dass er nach Hause zurückgekehrt ist.

>>> Die Geschichte ist eine poetische Kritik an der Erwachsenenwelt, die das Wesentliche vergessen hat: Liebe, Freundschaft, Verantwortung und die Fähigkeit zu staunen. Sie handelt von der Bedeutung zwischenmenschlicher Beziehungen und davon, was wirklich wichtig ist im Leben.


So. Da stehe ich nun. Mit einer Unmenge an Lebensjahren und einem noch immer nicht kapierten Leben. Die Kernbotschaft des Kleinen Prinzen trifft es ganz gut, aber das ist leicht dahergeschrieben. Das Kokettieren mit dem Tod, die Bewunderung der Traurigkeit, mein Überleben bis hier hin und heute.

Immer mit einer großen Handbreit Skepsis unter meinem Kiel, schippere ich durch dieses Leben und mache es mir leicht, in dem ich nichts unternehme, um meiner Skepsis etwas Besseres zu präsentieren. Stattdessen befinde ich mich in einer langjährigen Lebenslethargie, die ich mit viel Wein zu füllen weiß, um ein paar Jahre später immer schlechter denken und sprechen und dichten und sehen und aussehen zu können. Auf fünfundzwandzig Jahre beläuft sich mein Säufertum mittlerweile. Das ist ein Drittel meines Lebens, woraus ich weit Besseres hätte machen können. Aber was genau? Ich zweifle, bezweifle, verzweifle und die Dinge um mich herum werden negativer, langweiliger, sinnloser, aussichtsloser. Der Loser dabei bin ich. Obwohl ich der Kleine Prinz bin. Genau wie der hier aus dem Jahr 1970.

Wenn ich mir was wünschen dürfte.

Silvester. Darf ich mir was wünschen? Nämlich, dass ich dem steten Wein entsagen kann? Nicht? Schade. Wie - selber machen? Selber wollen, wirklich wollen, große Not und nur dann wird's was mit der handfesten Ein- und Absicht? Anders ist es wirklich nicht möglich? Es fühlt sich ein paar Stunden nach dem morgendlichen Schock nämlich häufig so an, als könnte es jetzt was werden. Dazu gesellt sich dann manchmal sogar eine Art Lampenfieber und ich freue mich auf den großen Austritt, weil ich fühle, dass es gelingen wird. Allein die Proben für dieses Stück liefen bisher garnicht gut. S'knallt gleich, Freundchen. Ich habe noch acht Stunden, mir keinen Plan, sondern es wahr zu machen. Schreibt sich so wunderbar leicht. Dann wünsche ich trotzdem, dass wenigstens alle unsere Leute gesund bleiben. Adieu, TwentyFive. Auf dass ich wieder schlauer und musikalischer und freundlicher gegenüber mir und anderen und dann noch gesünder und sportlicher werde. Und trotzdem gut schlafen kann.

Siebenundachtzigdrei

Alle paar Jahre wiege ich mich. Und da ich derzeit und erneut oder immer noch in einer sehr düstersaufenden Epoche herumtorkele, dachte ich mir gestern beim peinlichen Saubermachen von Küche und Bad, mein Gewicht zu schätzen. Ich schätzte 87komma3. Und ganz genau so war es. Ich kann offensichtlich gut einschätzen, wie schlecht es um mich bestellt ist. Am Abend des selben Tages sehe ich mir Barfly mit Mickey Rourke und Faye Dunaway an und mir wird übel ob des dort dargestellten, siechenden Zerfalls, während ich genau zwei Flaschen roten Weines leere.

Jetzt sitze ich in meinem Büro und fühle die "Vogel-im-Wind" Attitüde, wonach ich keinen klaren Gedankens fähig und mal wieder voller Angst bin, es nicht hinzubekommen. Die vielen kleinen Phrasen aus Erinnerung und Gegenwart prasseln aufgestaut auf mich ein und ich kann es vor lauter Angst nicht sortieren. Kostprobe? "War hamse bloß mit mick falsch jemacht?" - denke ich an mein Leben zurück, wird mir Bange. Aber wieso nur? War meine Entwicklung im Vergleich zu anderen Kindern und Jugendlichen so bedeutsam anders? Oder war es vielleicht nur zu viel für mich? Zu unerklärlich? Was ist schön? Was ist jetzt? Bukowski im Buch wie im Film, ebenso verklärt. Ich hab's nicht drauf, kann nichtmal professionell oder zumindest leidenschaftlich trinken. Ich fürchte berechtigt schwere Krankheiten meines Verhaltens wegen. 55 ist sehr alt. 87 ist sehr dick. 2 Flaschen Wein sind mehr als zu viel. "Sorry, liegt nicht an dir" sagt der Grindr-Typ auf Zimmer 426 in Berlin. "Du musst einfach nur leben" sagt Nies. Meine Haare fallen aus, mein Gesicht quillt und altert, ich höre kaum noch hin und zu. Mein Episodengedächtnis sortiert sich entsprechend meiner Stimmung und teilt aus, während ich mich ratlos überfordert fühle, etwas davon zu begreifen.

Ich werde das Jahr 2025 zurückgeben müssen. Es war nicht gut genug. Ich war nicht gut genug. Zu viel Angst, zu wenig Idee, woher sie rührt, zu betrunken alle Zeit; fast alle Zeit verschenkt, während das ganze Geldzeug samt Vollausstattung der Gewerke herumliegt. Bus, Foto, Musik, Geld ... die alte Leier. Es liegt an etwas anderem. Ja klar, an mir. Ohne Schuldzuweisung zwar, aber an mir. Aber woran in mir? Bestimmt am nicht so frohen Schlag meines Herzens, am Blutdruck und an 87,3 Kg Gewicht. Und an meiner Unfähigkeit, irgendetwas für mein Wohlbefinden zu tun. Konnte ich das jemals? Oder bestand mein Sein fortwährend in Anerkenntnis von Kompromissen? Könnte sein. Jedenfalls muss ich 2026 doppelt leben, um 2025 nachholen zu können.

Jahr ein, Jahr aus.

So geht es also wieder sachte ans Ende. Wieder erstmals das des Jahres, obgleich ich weiterhin fest überzeugt bin, mit Konsequenzen aus meinem mehr als schlechten Umgang mit mir selbst rechnen zu müssen.Vorsichtshalber habe ich heute bei Heide einen Check-up und zusätzlich noch eine Blutdruckbeobachtung vereinbart. Anfang nächsten Jahres. Und auch gleich einen schnellen Zahnarzt für jetzt, weil sich meine Zähe so rissig und hohl anfühlen und in einem womöglich der Karies wütet. Weimann und Blutbild kommen auch noch in dieser Woche und ich wundere mich über meine Vorgehensweise. Ich könnte mir vorstellen, alles ins Reine bringen und dann von vorn anfangen zu wollen. Was Quatsch ist; der Krebs, vor dem ich mich fürchte, kommt eher über Nacht als von einem kleinen Check-up im März.

Und jetzt im Moment hätte ich gern, dass die Zeit dieser Woche nicht so schnell vergeht und ich kann es schwerlich nur umschreiben: Zwar freue ich mich auf Tobi und zudem hat er am Samstag Geburtstag, aber irgendwie empfinde ich es als sehr merkwürdig, dass ich seine Kurzurlaube in die Türkei oder jetzt nach Obertauern auch für mich wie Urlaub beschreibe. Dabei gibt es dann immer eine kleine vorfreudige Aufregung, was ich alles am Wochenende zu tun gedenke. Fast immer kommt nichts dabei raus, als die Sendung mit der Maus, zu der ich am Sonntag extra aufstehe, um nicht zu lange im Bett zu verkatern. Ich bringe es also mit mir allein nicht zuwege und langweile mich dann aber bei Tobi auf der Couch, um es am Abend wegzutrinken oder so.

Jahr ein, Jahr aus. Es ist ein bisschen langweilig geworden. Ausser ganz kurz eben, als ich nach einer Stunde Gitarre und Gesang feststellte, in den letzten 4 Jahren 14 Songs komponiert zu haben. Jaja, sowas geht auch in 4 Tagen, aber sagen kann ich es ja mal.

Tausendtodster Tag

Das lege ich jetzt so fest. Tausend Tage waren es bestimmt schon, die ich - wissentlich herbeigeführt - im Elend im Arschwasser des Lebens versenkt habe. Tausend tote Tage und ein weiteres, verkorkstes Jahr, das noch schneller verging als das davor. Also habe ich ungefähr drei Jahre in den Sand gesetzt. 3 aus 55. Lotterie des Lotterlebens.

Wenn ich als einzige Rettung zehn Kilometer durch die graue Ödnis gehe, um nicht zu sterben, habe ich so enorm viele Gedanken, die allesamt richtig sind; das, was schlecht ist, ist wirklich schlecht und das Gute ist gut. Alles stimmt jeweils für einen kleinen Moment und ich wünschte, wenn es helfen würde, dass ich Worte mitsamt der Gefühlslage aufschreiben oder speichern kann. Einen Tag später liest sich das gefühlsgetrennte Wort dann nicht mehr so wahr und stimmig. Hyperreflektierende Quatschsynapsen ohne Humor.

Ich werde verrückt und wehre mich nicht dagegen. Derzeit nutze ich eine Erkältung aus, mich vor weiterer Verantwortung oder Arbeit zu drücken und schaffe mittlerweile ein Bier und zwei Wein. Jeweils in Flaschen. Das Aufstehen gegen 11 will mir nur schwer in den Kopf noch gelingen; manchmal falle ich gleich nach dem Klo wieder dorthin, wo mir eine trügerische Sicherheit alle Konnektoren an das Denken nimmt oder nehmen soll. Der Verstand siegt am Ende, aber ich muss jetzt wissen, ob ich diese drei fürchterlichen Tage für beendet erkläre oder den tausend toten Tagen noch ein paar weitere hinzufügen möchte. Was nicht lange gut gehen wird. Soviel weiß ich schon.

Alles Unheil möglich

Wenn man so nachbetrunken ist, wie ich es an diesem Sonntag im grauesten November bin, fliegen die halben Gedanken wie üblich mit voller Fracht an mir vorbei und suggerieren mir das Grausen. Jede Nachricht auf Facebook zeichnet vom Ende, jede noch so kalte Idee scheint realistisch, während mein Kreislauf versucht, nicht zu kollabieren. Ich darf keinesfalls das Denken müßig fallen lassen, es fühlt sich an, als käme Tod, des Schlafes Bruder, unvermittelt.

Was haben wir denn heute im Unheil-Angebot? Tobi fliegt in die Türkei und ist seit zwei Tagen unschlüssig, ob er das überhaupt will. Es dauert auch, ehe er wirklich zum Taschepacken hoch geht. Und ich denke an Flugzeugabstürze oder ähnlich Verheerendes; nur um danach sagen zu können, dass wir es geahnt haben.

Weiter gehts: Schlaganfall. Mindestens. Knorpel im Hals ist ein handfester Tumor; die Lunge hat ihn schon längst, während der Darm noch daran arbeitet. Gleichzeitig gebiert sich eine spontane Demenz, wonach ich kaum mehr in der Lage bin, Worte zu formen. Bis das alles soweit ist, wird jedoch die Lenkung vom Bus versagen und mich dem ewig Dunklen anheim legen.

Wie man hier sieht, sind solche düsteren Aussichten durchaus sinnvoll; sie gleichen einer Art Zeigefinger. Jedoch weisen all diese Einträge hier seit 2010 genau dieses Muster auf. Wozu also weitere Worte verlieren? Lasst uns endlich Taten sehen? Ha!

Wenn einer eine Reise tut …

… dann kann er nachts nicht schlafen. Bis zum Hals schlägt mir mein Herz, ich denke an rohe Endivien. Und an Heide, die meinen Blutdruck besehen muss. Bald. Sehr bald. Aber wie uncool bin ich eigentlich (a) geworden (b) immer schon gewesen? Fortwährend erkläre ich mir Dinge, an die zu denken gilt; die Entscheidung über einen mitzunehmenden Pullover raubt mir eine weitere halbe Stunde wichtigen Schlafes. Nimm’ eine Schnitte mit? Nee, ich bin cool und kauf mir was vor Ort. Dann geh nochmal pullern vorher, sonst musst du im Zug und die klauen deinen Rucksack …
Aus kurz vor 12 wird bald 3 Uhr und ich fluche. Kurze Pause bis 6:45, wenn Volker poltert. Nun sitze ich im noblen IC für 16 Eur, der mich bis ins Ziel durchfährt und denke an die immer wiederen unsachlichen Vorstellungen über eine Berlinreise: Excentric Nightlife, Sex im Hotel und Shoppen voller Freude. Natürlich wird es keinen Sex außer mit mir geben und beim Einkauf von Schlüpfern werde ich unschlüssig vor den Regalen stehen, während mir das Schwitzwasser am Hintern zu schaffen macht. Am hinteren Ende werde ich mit einer Pulle Wein im Hotelzimmer sitzen und denken: „Naja, so ist es halt.“Aber die Vorstellung über das Undurchführbare macht es amourös, wenn ich mir Schwanz und Hintern nochmal nachziehe und sie sich daraufhin weich und geschmeidig anfassen. Da ist schon sehr viel Sex drin. Naja, so ist es halt.

komplexe Komplexe

Gestern Abend einen Mitschnitt der Magdeburger Songtage und damit mich gesehen. Sofort massives Weitertrinken roten Weines. So sollte ich nicht aussehen, denke ich mir. Damals war ich sogar noch etwas fülliger und ich entnsinne mich des Abend, an dem auch Deckbar und Tomas Tulpe auf der Bühne waren. Am Ende saßen und lagen wir alle an der Bühne herum, Kubon musste sich von irgendeiner Frau statt Glückwünsche zu seinem 50. Geburtstag irgendetwas Beschimpfendes anhören, Jana hörte interessiert zu und später fuhr man mich nach Hause und ich war wie immer betrunken.

Heute sehe ich das Ding nach fünf Jahren zum ersten Mal in Gänze und bin fast entsetzt. Entweder lerne ich Haltung und stehe zu meinem Aussehen oder ich schaffe mir solche Marken wie Schiebermützen, Hüte oder andere Ausreden an. Ich kann es nicht genau beschreiben, aber schön ist das so jedenfalls nicht. (falls es das noch gibt, hier entlang >>>)

Flexibilität

Selbstverständlich bin ich flexibel, was bestimmt damit zu tun hat, dass ich spätestens seit der Corona-Zäsur den Weg des geringsten Widerstandes gesucht, gefunden und lieben gelernt habe. Das lässt Freiräume für die Interessen, auf deren Erwachen ich wartend bestens gerüstet bin.

Mal sehen, was zuerst kommt: die Motivation der Interessen oder die totale Lethargie. Is‘ grad ne Gratwanderung.

Die schnelle Angst

Kaum aus der Nacht entkommen und nach Zeitumstellung und Frühstück beim Zähneputzen ein Klümpchen Blut ins Becken gespuckt; mir kaum was draus gemacht, sammeln sich nun auf der Couch die Gedanken und verabreden sich zu einer plötzlichen Panikgemeinschaft. Der bereits einige Zeit lang währende süße Geschmack im Hals, der wie der Dampf der Vapes schmeckt und die leichte Schluckirritation am Kehlkopf sind die Basis; das Blut von vorhin ohne Vorwarnung und im kleinen Klumpen mit Ministückchen wie von einer Paprika und das alles ohne offensichtliche Herkunft aus der Zahngegend machen den schaurigen Gedanken Mut, sich etwas Grausiges auszudenken.

Noch bin ich zu nachbetrunken des Weines wegen, aber aus weiter Ferne schimmert eine Spur von Angst in mich hinein und ich bin geneigt, irgendjemandem irgendetwas versprechen zu wollen; dass ich mich bessere, dass ich gelobe und es jetzt wirklich ernst meine. Dass das nichts Neues ist, sondern aus sehr weit zurück liegender Zeit stammt, macht nicht weniger verwunderlich, dass es jetzt ein bisschen in den Beinen zittert.

Der ganze Wein ist alle.

Und der neue wurde nebenbei nachgekauft. Nicht minder weniger. Die Dokumentation meines Zerfalls lässt zu wünschen übrig, weil es mir in Folge des Konsums nicht gelingen mag, die Litaneien zu wiederholen. Zumindest wollte ich das kurz vermerkt wissen. Auch, dass meine Eltern, zurück aus dem Rat gegeben habenden Weingebiet, jetzt dringend Testamente und Erbschaftssteuervermeidung angehen wollen. Was für ein mulmiges Gefühl. Aber immerhin besser, als müsste ich plötzlich und muttervaterseelenallein alles selbst bewerkstelligen. Sie sind mir beide in derlei Hinsicht immer noch mehr als eine Nasenlänge voraus, während ich unbestimmt impulsiv blauen Autos oder bunten Schmetterlingen nachjage und danach zu viel Wein kaufe.

So lange du nicht willst.

So lange du nur denkst, dass du musst, wird es nichts werden. Schwere Schäden des Morgens aus der nächtlichen Schlacht ohne Feldherrn, der das Ende befiehlt, noch Sanitäter, die mich verbindlich zu Fall und Bett bringen. Naja. So lange du nicht willst. So lange wird alles ein sinnloser Wunsch nach der Eier legenden Wollmilchsau bleiben. So lange du nicht weißt, warum das alles so kam, wurde und blieb, wird es nichts werden. So lange wurde es nichts. Was soll werden?

Beim Aufbau an den Abbau denken

Aufbau: Bauch & Fettschwemme. Was dem Wein geschuldet sein muss, denn zu viel Essen oder Schokolade ist ja nicht. Dafür aber Nüsse aller Art und vermeintlich dünnes Eis aus dem Aldi. Auf dem bewege ich mich sowieso allenthalben. Der Abbau (hier also positiv besetzt) wird entbehrungsreich und irgendwann immer schwieriger, bis es dann heißt: Einen Sommer durchgesoffen machen drei kalte Winter nicht wett. Weitere Nebenwirkungen wie Schwäche, Mut- und Wortverlust sind die Randritter auf dem Schlachtfeld meines Lebens.

Hacke im Ikea Land

Selbstverständlich liegt all das jenseits von Gut und Böse und ich vermute mich gewissermaßen als recht wackeren Helden; denn jeden anderen mit einer Verhaltensweise wie der meinen hätte sich längst einliefern lassen oder wenigstens versucht, aufzuhängen. Auch hier bin wieder nicht sonderlich entschlusskräftig und verschiebe alles ein bisschen nach hinten, wessenthalben ich nun auch schon 55 Jahre alt bin. Ich verspüre davon nicht viel und glaube immer noch an Weihnachtsmänner und Erwachsene, die wissen was sie tun und mir deshalb sagen müssen, was ich wiederum zu tun habe.

Wie schon einmal bemerkt, schimpft man nicht mehr mit mir; das Alter verbietet es offensichtlich, obwenn die Verfehlungen weit schlimmere als die aus Kindheit und Jugend sind. Oder aber es gibt nichts mehr zu retten und der Aufwand lohnt sich kaum noch.

Wie dem auch sei, ich bin nach einer Videokonferenz kurzerhand losgefahren und wollte den schließenden Hellweg-Baumarkt nochmal sehen, kaufte dort ein Rollo und anschließend im Ikea noch eins samt Klobrille und Duschkopf. Womöglich muss ich manchmal nicht unbedingt wollen, sondern tun, was der innere, betrunkene Erwachsene sagt. Nebenbei gabs auch noch 10 Flaschen günstigen Doppio Passo im Netto, für die ich wahrscheinlich originär losgefahren bin. Ja klar. Muss ja weiter gehen.

Was hat mich bloß so ruiniert?

Bestandsaufnahme September 25: Ein wie so oft unklar-diffuses Bild malt sich auf, wenn ich auch nur im Ansatz versuche, das aufzuschreiben, was eben noch so wichtig erschien. Wollte ich mir das eben Gedachte dringlichst merken weil es diese Zeit und meinen Zustand so perfekt beschreiben könnte, ist es Minuten später wieder weg. Immer wenn mir einfällt, was ich alles dazu schreiben könnte, bin ich zu müde oder unterwegs. Immer wenn ich die Zeit zum Schreiben habe, fällt mir nichts ein. Wie wunderlich Geist und Motivation wie in einem Boxring an die unterschiedlichen Seile schlagen, abprallen und irgendwo landen. Meist auf dem Boden. K.O..

Was sollte es werden? Sommerurlaub? Absatzgehakt. Tönder? Das Altern? Die Liebe? Der Job? Der Alkohol? Meine Möglichkeiten? Die politische Zukunft im Bundes- dann ganzen Land? Meine Angst? Meine Ziellosigkeit? Meine Musik?

Ich weiß was: im Grunde ist es damit bereits ganz gut umrissen. Die wichtigsten Kategorien sind enthalten und jeder Einzelfall passt da rein. Natürlich ist es fast wie immer. 'Fast' deswegen, weil sich manche meiner Eskapaden zu größeren entwickelt haben. Politisch, gesellschaftlich wie besäufnisch. Und ich weiß noch etwas: Mein großes Grundbedrängnis besteht darin, nicht mehr positiv, aufgeschlossen und freundlich den Menschen gegenüber sein zu scheinen. Ich fluche und verurteile, drängele, verziehe das Gesicht, schüttele den Kopf, beleidige und wünsche mir, dass mir niemand niemals auf dieser Welt irgendeine Macht verleihen würde - ich brächte Tod & Verderben. Dieses "Negatief" rührt selbstverständlich von irgendwo her. Nur fühle ich mich nicht in der Lage, das zu konkretisieren, zusammenzufassen, zu verdeutlichen. Sprücheheiler können das erst recht nicht. Allerdings möchte ich es nicht haben. Eine winkende Dänin aus einem Kreisverkehr im Auto rührt mich zu Tränen, meist nördliche Menschen, die ohne Häme und Geschrei miteinander agieren, faszinieren mich und versetzen mich sofort in ein helleres Licht. Genau das benötige ich, falle aber kurz darauf in den alten Mechanismus zurück. Angeboren kann das nicht sein, denn bereits als Kind war ich die glockenhelle Freundlichkeit. "Was hat mich bloß so ruiniert?" - beste Frage derzeit, damals aufgeschrieben von den Sternen.

Ich sollte Matze Karbe, der hier immer mal über den Weg läuft, um psychologischen Beistand bitten, nachdem wir einvernehmlichen Sex hatten, womit eines der Themen einer Kategorie kurz hier vorbeischrammt.

Hui, das tat jetzt aber besser als vermutet gut und hat das Wesentliche in ein Inhaltsverzeichnis gesetzt. Das abzuarbeiten bräuchte ich mir gar keine Mühe machen, denn das steht mit Sicherheit bereits alles hier in der Zehnsucht an vielen diversen Stellen.

Tönder wäre aktuell noch zu beschreiben: Nein, es gab keinen schmucken Dänen für mich. Ja, die Fahrt hin wie zurück ist immer eine besondere Zeit, die ich nur mit mir ganz allein habe. Das ganze Unterfangen war also eine kostengünstige Übung. Mit einem echten Auftrag oder in einem Team (wie Mera Luna) hätte ich mich besser gefühlt. Der Bus war weit vollgekramter als beim Busfritzentest, es ist okay, bedarf aber Nachbesserung. Am Ende gefallen mir nur wenige meiner Fotos wirklich gut. Es handelte sich also eher um eine Wiederaufnahme meiner Fotomacherei als eine Übung zur Verbesserung. 1.500 Fotos. Viel zu viel. Und fragiler bin ich auch, wenn ich mir wegen hämorrhoidaler Verdreckung den Hintern wund renne, das Warme zu warm und das Kalte zu kalt ist.

Mein versuchtes Dänisch spreche ich aus Unsicherheit zu schnell und undeutlich, was es unverständlich macht. Das wäre nicht nötig: erkläre ihnen doch, dass du die Sprache gern versuchen möchtest. Hat schonmal sehr gut geklappt.

Bei allem und überall ist es immer die eigene Einstellung zu den Dingen, zu den Menschen und zu mir samt dem Versuch einer objektiven Wahrnehmung, die aus einer demotivierenden, traurig machenden Stimmung sehr plötzlich das ganze Gegenteil generieren kann. Oder aber die Erkenntnis, dass alles sinnlos ist. Damit muss ich rechnen.


Nicht ruiniert zumindest scheint mein körperlicher Zustand, wie mir Carlo Weimann heute per Ultraschall versicherte und erneut den TÜV erteilte. Nieren, Leber, Galle und Bauchspeicheldrüse (letztere sieht man wegen irgendwas Darm nicht ganz so gut) sind allesamt ohne Beanstandungen. Erstaunlich. Gegen das nagende Gefühl und den verspannten Schmerz vom Atlas zur linken Schulter hat er mir eine Spritze gesetzt - die erste seit 14 Jahren. Vielleicht aber ist es ja auch der Bechterew, der mich nach langen Jahren des Friedens kurz daran erinnern möchte, wieviel Glück ich bisher gehabt habe.


Was hat mich also bloß so ruiniert? Die Diskussion ist eröffnet und die Kategorien könnten lauten: Altern. Liebe. Job. Alkohol (schon voll besetzt). Möglichkeiten. Polisellschaft. Ziele. Musik.

Also dann doch Toender

Also dann morgen Toender. Das dritte mal, der ungefähr siebente Anlauf. Ich entsinne mich gut jener Jahre, in denen Gitte mir immer gut zuredete und ich es dann doch nicht zuwege brachte. Seit wann geht das eigentlich schon so? Jedenfalls scheint 2016 mein letzter Besuch dort gewesen zu sein. Vorhin, vor den Simpsons, war ich noch sehr zerknirscht und mal wieder sehr unsicher dieses Trips wegen. Jetzt, nach einer Stunde Ruhens mit gelegentlichem Wegdriften, scheint's mir comfortably numb und halb so wild.

Es ist nicht zu fassen, wie ich es immer wieder zu versuchen scheine - das Auf- und Davonreisen. Suche ich hier nach Toender, erhalte ich gleich vier (mit diesem hier fünf) Beiträge, die von solchen Zweifeln an mir, der Idee überhaupt und der offensichtlichen Unfähigkeit solcher Unterfangen zu sein, in welchen ich offensichtlich weder allein noch mit anderen kann und die ganze Zeit vertrinke. Oh - auch eine Suche nach "Gitte" ergibt ein noch viel größeres Bild dieses Themas

Das ganze Toender-Ding ist zudem als Fake-Presse erschwindelt und erlogen, weil ich für 500 EUR dort kaum hingefahren wäre. Und jetzt denke ich gleich an Lumühlens "A summer's Tale" oder Kopenhagen und das alles und stelle fest: Die sicherste Bank bisher war der Dreetzsee. Ich werde es sehen und habe mir, wie so oft im Leben, alle Optionen offen gehalten, wonach ich jederzeit wieder von dort abreisen kann. Also übe ich mich im Fotografieren von schönen Menschen und sehe mal zu, wie ich mit mir klar komme.

In Fahrtrichtung aussteigen

Wahrscheinlich werde ich nie fertig. Die täglichen Begleiter bleiben treue liebste Feinde wie Unklarheit und Angst, Unvermögen und zuweilen Panik, dieses Leben zu begreifen. Am liebsten würde ich es garnicht begreifen wollen, jedoch toben die tausenden und wiederkehrenden Reflexionen darüber schwach und unerklärt in mir herum und hinterlassen ein wüstes Feld mit zum Teil tiefen Gräben.

Antworten gibt es wahrscheinlich und offenbar fallen sie manchmal sogar verblüffend einfach aus. Das ist vergleichbar mit dem Abi-Mathe in 1992 und meiner Motivation dafür als eines der besten Beispiele, was mir möglich ist. Oder war.

Die Täler sind jedoch tiefer als die Höhen der Berge, die ich besteige; die Aussichten entsprechend schattig und der Überblick getrübt. Was mir insgesamt am meisten zu schaffen macht, ist der stete Wein, der mir es nun schon über so viele Jahre hinweg leicht macht, es nicht erneut versuchen zu müssen, zu können, zu wollen. Das ist mir alles vollends klar und auch die Ausrede, selbst im klaren Leben mit besserer Sicht nicht sonderlich weiter zu kommen, ist waghalsig schlimm. Daraus resultiert auch der nicht richtig ausgeprägte Sinn, den Wein nun endlich in verträgliche Mengen zu minimieren oder es ganz sein zu lassen.

Vielleicht ist nicht mehr viel übrig, was es für mich zu probieren gibt oder mich dazu motivieren kann. Gewöhnlich mache ich alles genau ein mal und lasse es dann bleiben. JESKOM ist ein schönes Beispiel dafür. Ich sehe die ersten Aufnahmen aus 2009 und bin entzückt; die nachfolgenden Versuche werden nach und nach schwächer und meine letzten Textversuche krümmen sich vor Erbärmlichkeit. Dann die vermeintliche Sehnsucht nach der Freiheit mit dem Bus in alle Welt. Der letzte Urlaub zeigt, dass es nur alleine damit geht. Und nichtmal das: Dabei denke ich an Kopenhagen 2010, wie ich mir damals verkatert auf dem Parkplatz wünschte, eine riesige Hand würde mich von hier wegheben und irgendwo in irgendeine Sicherheit absetzen. "Es ist nicht wichtig, wo wir sind, sondern wer wir sind."

Meine ganze Bucket-List liest sich sinnvoll und interessant; allein es fehlt so oft die Motivation. Was selbstverständlich ist, wenn Müdigkeit und schlechte Laune die Regie haben. Jedenfalls versuche ich wahrscheinlich am Donnerstag das Tönderfestival, weil ich erstaunlicherweise sämtliche Akkreditierungen erhalten habe. Und noch während ich daran denke, fürchte ich meine Schwäche und sehe mich verunsichert dort umherstreunen, ohne zu wissen, warum ich dort überhaupt hin wollte. Weil es nichts kostet? Um mich im Bereich Foto und Video zu üben? Auf der Autobahn allein vor mich hinzureisen? Um Menschen kennenzulernen? Ein zufälliges Techtelmechtel mit einem schmucken Dänen zu haben? Um schöne Musik genießen zu können? Alle Antwort lautet Ja und ich wünsche mir sehr, dass es gelingt.

Sommerurlaub 2025 No.2

Rostock > Gedser > ein paar Tage Malmö. Dann weiter via Ystad nach Bornholm. Das alles zu beschreiben ist schwierig. So nehme ich die Notizen; direkt verfasst und vielleicht hilfreich.

Camping. No Camping.

Eines hat mich 2025 wieder gelehrt: Camping hat oder hatte eine gewisse Basis, eine Grundform, wessenthalben Camping, so wie es damals war, erfunden wurde: Wenig Aufwand, noch wenigere Kosten, einfach zu bewerkstelligen und den ganzen Tag mitsamt der Nacht in der Natur - aus meiner Erinnerung bestenfalls im Wald über den Sand direkt zum See. Und flexibel waren wir auch. Als Dauercamper oder Wochenendausflügler oder einen Urlaub lang auf Kienwerder oder am Beetzsee.

Selbstverständlich haben sich ein paar mehr als grundlegende Dinge geändert: Es gibt keine Grenzen mehr in Europa; der Trabi mit Anhänger wich dem VW Bus, wir haben mehr Geld zur Verfügung, wir sind bzw. werden "waren" jung genug.

Es gibt Unterschiede in den Erfahrungen, in der Verrichtung, den Handhabungen und in den Ansprüchen, die sich mit den Jahren entwickeln. Gleich auf den Punkt: Tob & me versuchen uns seit 2012 oder 13 im Reisen mit dem Bus und auf Campingplätzen wie denen bei Maja oder in der Toscana, bei Rom, in Schweden oder in Norwegen oder auf Bornholm. Es wird schwieriger bis zuweilen garnicht mehr schön und ich bin mir nicht sicher, ob es veränderte Ansprüche ans Campen oder an uns beim Campen oder an unser beider Beziehung sind. Da wird geräumt, geflucht, verumständlicht, zu viel mit genommen, gemissmutigt, genervt, wegen vermutlicher Unfähigkeit beleidigt ... der Bus ist randvoll mit Zeug und Sachen und wir haben nichtmal Kind oder Hund. Ab dem Abendessen sitzen wir da und verlangweilen uns in den Chroniken sozialer Medien, bis einer ins Bett geht und der andere sich noch etwas müder trinkt. Damit es dann besser geht.

Fazit jedenfalls: Bus mit Vorzelt (trotz mittlerweile komfortablem T6.1 mit Hochdach und so) kommt nicht mehr in Frage; nächstes Mal Bornholm nur noch mit Pilote P696 Evidence oder Adäquatem. Sagt Tobi. Ich bin anfangs entrüstet. Alles Camping meiner Karriere - und ich habe im Alter von vier Wochen damit in der absoluten Basis-Ausstattung wie Handtuch, Steilwandzelt & Milchkanne begonnen - soll sich nun also auf ein hausähnliches Ungetüm mit komfortabler Couch, Netflix und morgendlich über den Platz gekarrtem Kackewagen reduzieren? Alles hört auf Siri? Es kocht der Neff und Thermomix gibt den Ton an? "Du bist verbohrt", sagt Tobi und ganz unrecht hat er damit wahrscheinlich nicht. Würde ich denn lieber im Steilwandzelt ohne Wasser und Strom Urlaub machen wollen? Eher nicht. Homer Simpsons Satz kann da helfen: "Es ist nicht wichtig, wo wir sind, sondern wer wir sind." Es sind nicht die Umgebungen oder Annehmlichkeiten - WIR sind es, die in einfachen wie luxuriösen Räumen miteinander gut auskommen sollten, es jedoch offensichtlich manchmal bis oft nicht können.

Ich fahre gleich nach Brandenburg für eine Nacht, um mir den Bus und das Gefühl zurück zu suchen. Und übernächste Woche plane ich ein paar Tage draussen im Wald. Am See. Womöglich ist es nur allein so gut, wie ich es mir vorstelle.

Puppen's Frieden

Jana hat mir heute im café p. einen Eiskaffee ausgegeben und wir haben ein bisschen gequatscht, während ich mir die FOH Aufnahmen der Olsenbande aus 2012 auf den Rechner überspielte. Mehr und mehr Leute kamen hinzu: Sabine Schramm - die postkemp'sche Intendantin, Sven Jürgelaitis, Marlene, Margrit, Jana Weichelt, Dramaturgen, Tobi Körner ... und so wurde aus unserem kleinen Stelldichein ein etwas lebendigeres.

Und ich darf feststellen, den heutigen Tag zum Wendepunkt in meiner Verarbeitung in Sachen Puppentheater deklarieren zu können. Es war fast ein bisschen wie früher, wie immer und vertraut und dann wurde mir noch gesagt, dass Anjelika Conrad heute ihren letzten Tag hatte und damit ab morgen "mein" Büro wieder frei wäre (zumindest bis der Neue kommt).

Sabine Schramm und ich sind nun besser miteinander bekannt und sie fragte mich, warum ich mich nicht auf meine alte Stelle bewerben wollte. Sie hatte nur in Erinnerung, dass ich nichts mehr mit dem Theater zu tun haben wollte. Wahrscheinlich ein typischer Fall von Erklärungen und Meinungen der Leute, wenn ich mich so lange dort nicht habe blicken lassen. Tatsächlich aber war es längst zu spät für mich, da ich bereits beim Paritätischen sehr gut angekommen war.

Verflogen also Groll und Missmut, Fehde und Trauer. Weiterhin hilfreich wäre es vielleicht, wenn ich Frank Bernhardt dort nicht begegnen müsste - aber auch das dürfte mir weit weniger ausmachen als ihm.

So verließ ich das Theater mit der Olsenbande und der Gewissheit in der Tasche wie im Herzen, dass jetzt alles gut ist. Kurz darauf im Paritätischen kam ich mit ein paar Leuten zusammen, bei denen ich dieses Mal um so mehr spürte, wie wunderbar ich überall involviert bin, gemocht werde und ich mir keinerlei Sorgen muss. Ausser über mich selbst, wenn ich trotz all der schönen Voraussetzungen insgesamt zu viel Wein konsumiere und damit einen beträchtlichen Teil meines schönen Lebens offensichtlich verpasse. Das ist nochmal und weiterhin ein ganz eigenes Kapitel.

Pari, quo Pari?

Mich beschleicht das Gefühl, dass es spätestens seit dem Ausscheiden von Andrik Krüger als Chef der PSW, u.a. initiiert durch das wirtschaftliche Desaster in der PSW Altenhilfe, mehr drunter als drüber im Paritätischen zu laufen scheint. Etwas später kam es es zum Ausscheiden vom Boliden Mirko Günther aus der Kinder- und Jugendhilfe (Rente) und Manuela Knabe-Ostheeren hat sich einen Platz im Ministerium gesichert. Und Nicole Hitzegrat hat sich neu orientiert und Ralf Hattermann - dem Verfechter für Teilhabe und Inklusion im Referat der Beeinträchtigten-/ Behindertenhilfe verlässt die Riege Richtung Kinderförderwerk. Kirstin Röhl ist noch da - wahrscheinlich, denn ich sehe sie kaum noch ...

Es macht sich auch in meiner Wahrnehmung bemerkbar, dass wir irgendwie ein bisschen weniger inhaltlich zu arbeiten scheinen; die Konferenzen sind weniger geworden, die gemeinsamen Projekte und Ideen weichen einer Art unsicherem Verteidigungsverhalten angesichts der drohenden Einschnitte im Bereich der sozialen Arbeit und damit der Sozialwirtschaft insgesamt. Was sicherlich auch damit zu tun hat, dass Antje und Marcel neben dem Landesverband nun auch die PSW zu leiten haben, was eine Menge an Verantwortung und Mehrarbeit mit sich bringt.

Habe ich vor einem Jahr noch versucht, meine Kalender plausibel zu füllen und mich im erneuten Fall von übertriebenem Weinkosum des Vorabends mit Ausflüchten zu rechtfertigen (was übrigens und weiterhin sehr peinlich und garnicht gut für mich wie für den Paritätischen ist), macht es heute (wie wahrscheinlich aber auch damals) nichts mehr aus. Ich begründe das Ganze mit einem großen Vertrauensvorschuss seitens der Geschäftsführung in etwas, das nicht klar definiert und damit auch für mich gefährlich ist. Ich merke, dass ich viele Dinge vor sich hin schleifen lassen kann, ohne dass es Konsequenzen zu befürchten gäbe. Und so lasse ich es also und leider zu. Damit wird jede meiner verbliebenen Ideen und Aufgaben zur großen Herausforderung: sei es die Steuer zu erklären, das Web dingfest zu machen, den Geschäftsbericht endlich auf die Reihe zu bekommen, das ehemals so gelobte Redaktionsteam einer wirklichen Arbeit zuzuführen, die dringlichen Drucksachen für die PSW fertig zu stellen, die Imagefilme mit den Mitgliedsorganisationen samt Politik und Prominenz für pari35 und die bevorstehende (AfD-)Landtagswahl in 2026 zu organisieren und zu realisieren ... alles schwebt seit langem so dahin und ich denke kaum über Fortschritt nach.

Es verhält sich ähnlich wie im Beitrag Jana, Ulrike und ich, nur dass sich bei mir bisher keinerlei Konsequenzen anbahnen. Und das will ich ja auch nicht: Ich möchte produktiv sein und Projekte auf den Weg bringen. Das macht mit entsprechenden Erfolgen letztlich ja auch mich und meine Idee von Arbeit und Leben aus. Dass es geht, habe ich beim Paritätischen schon mehrfach bewiesen, jedoch lassen Intensität und Motivation nach. Das ist nicht gut. Für keinen von uns.

Nun ist es nicht so, dass ich auf eventuell drohende Konsequenzen warte - und ich erwarte auch keine - allerdings bestärkt mich das unschöne Gefühl, dass sich unsere gemeinsame paritätische Idee gleißenden Autolichtern gegenüber sieht, vor denen wir geblendet hilflos dastehen und uns von reaktionären Rechtskräften irgendwann sachte aber sicher auflösen lassen müssen.

Ich hoffe sehr, dass es sich hierbei um eine meiner persönlichen Fehleinschätzungen handelt oder ich unwissentlich auf bereits dünnem Eis stehe oder meine Wahrnehmung insgesamt sehr an mir gelitten hat.

Monday Monday Morning

Bemerkenswert nüchtern nach traumreichen Halbschläfen versuche ich mich in der Deutung von Träumen, die zu flüchtig mir jedoch immerhin eine erotische Nuance hinterlassen. Derlei Abenteuer kommen weiterhin vor und ich sehe mich darin oft kurz vor der entscheidenen Annäherung inform eines beispielhaften Kusses. Des Siegmunds Freude.

Diese Foto-Collage entstand in der Hitzewoche des endenen Junis und soll wahrscheinlich bedeuten, dass die ältlichen Herren auf ihr jüngeres Ich zielen und ihm vermitteln wollen, es besser gemacht hatten zu haben oder haben zu können, was sich schlechter kaum ausdrücken lässt. Die alte unnütze Metapher und so bleibt es weiterhin bei dem, was ich mir zuzutrauen scheine.

Weiterhin bemerkenswert sind meine Unlust, mein Unvermögen, mein unverhältnismäßiger Weinkonsum ... was selbstverständlich komplett miteinander verwoben ist. In der Gegendarstellung heisst es, dass es in nüchternen Zuständen im Denken & Handeln nicht viel besser wird - es sich nur im Körper etwas besser anfühlt. Klingt nach Ausrede, die schon über Jahrzehnte hält. Die Suche nach willentlichen Zielen scheint immer die selbe, im Nüchternen ist es etwas klarer, das Trunkene übernimmt derweil die Alibi-Funktionen und versucht im Nachgang, das bischen Rest an Haltung und Stil nach aussen zu wahren. Beides peinlich.

Heute jedoch ist Montag und der Tatendrang will's nochmal wissen.

Busfritztest

Hab mich nach vieren Bieren im Bluenote u.a. auch von Katrin in ihre Reha nach Ahrenshoop verabschiedet und bin Dank "Pflotsh Storm-App" pünktlich zu meinem Bus gekommen, dessen Dach ich bereits vorher aufgestellt hatte, um zu testen, wie es um das Dach und den Bus steht, wenn es ein paar mal hintereinander regnet.

Kurzum: Ich bin begeistert. Zwar war der Regen nicht besonders stark, als dass es nach vorsätzlichen Problemen aussah; dennoch haben alle Kanten und Reissverschlüsse keinerlei Nässe im Innenraum gebildet. Noch viel schöner jedoch war dieses mir so bekannte, und jetzt um so mehr gesteigerte Busgefühl, in einem fast neuen "BusFritzen" zu sitzen, den Tisch auszuprobieren, die Bank zurückzuschieben, mir es bequem zu machen, die Lichter, die Vorhänge und die Standheizung zu testen und bei einem extra dafür mitgebrachten Glas Weißwein (ja, ich weiß, dekadent) auf den Regen zu warten. Es fühlte sich so gut an wie damals in der Schule, wenn ich mal eine Bank am Fenster allein für mich hatte, mich an ebenjenes Fenster setzte, meinen Ranzen als Grenze an die gegenüber liegende Seite hängte und somit meine Kanzel, meine Station, mein Imperium schutzbefohlen für mich ganz allein hatte.

Ich fühle mich wahnsinnig wohl in diesem Bus, es passt alles zueinander, es ist viel Platz, sieht gut aus und funktioniert und das Foto hier kann längst nicht die Atmosphäre abbilden, die dieser Bus bietet. Kurzum: Ja!

Meine Vorstellungen vom Digitalnomaden auf MobileOffice avancieren deutlich zu einem "Mach es! Sofort!". Der Sommer ist frisch und wie so oft stehen mir so sehr viele Möglichkeiten offen. (Und zeitgleich ob dieses Glücks vermute ich große Gemeinheiten, die mir den Bus stehlen oder aus Langeweile das über Nacht geöffnete Dach [damit es morgen trocken ist] mit einem Messer aufschlitzen wollen. Bitte bitte nicht.)

Nach "Hübscha" (VW T3 Multivan LLE 1990) gedachte ich, den Bussen keine Namen mehr zu geben. Im Moment bin ich aus einer Laune heraus spontan für "Fritz".

Etwas traurig oder so.

Samstag. Reform. Couch. Keinen Kuchen. Dafür Eis. Nach miesem Einkauf in schrecklichem Rewe, der dem Wein das Abends zuvor geschuldet war, cruise ich nun durch die spontanen Webseiten dieser Welt, während im Hintergrund das Radio vom Tanz- und Folkfest Rudolstadt live sendet. Kubon und Petzold und noch wer. Zwiebel macht wahrscheinlich wieder den Bühnen-Mix. Zwischendrin eine Studiosession aus dem Archiv mit Martin Müller und dem Portugiesen Pedro Querido. Und ich denke kurz an Rudolstadt. Dann denke ich an meinen (neuen) Bus, der keine 20 Meter von hier steht.

Ein bisschen später finde ich einen Veranstaltungstipp vom Dates heute fürs Volksbad Buckau. Irgendein Songwriter namens Kaurna Cronin & Band. Ich lausche ein wenig und denke über meine Musik nach. Dann sehe ich auf dessen Seite, wo er seine Musik noch spielt. In Dänemark, Litauen, Estland und viel in Deutschland. Unter anderem in Feldberg. Feldberg! Und ich finde das "Steg in Flammen", klein und urig am Ufer mit Band auf dem Steg. Wo ich im September letzten Jahres noch mit dem Rad knapp vorbei gefahren bin. Da spielen sie am 19. August. Und ich denke kurz an die Seenplatte samt Dreetzsee und wie sehr ich das dort mag. Dann denke ich an meinen (neuen) Bus, der keine 20 Meter von hier steht.

Es gibt niemanden verantwortlich dafür zu machen, was ich nicht imstande bin, für mich selbst zu tun. Ist das jetzt Sehnsucht? Oder Langeweile? Unvermögen? Es ist auf jeden Fall das von van Veen so schön besungene: "... etwas traurig oder so. Naja." Das kommt immer wieder vor, weil ich mir in solchen Momenten nichts zutraue und es alle anderen um mich herum oder im Radio richtig oder zumindest besser machen. Was leicht ist, denn ich sitze auf der Reformer Couch und denke an meinen (neuen) Bus, der keine 20 Meter von hier steht.

Die lange leere Nacht

Es ist 06:12 Uhr, als dieses Foto gemacht wurde. Es ist kurz nach 07:00 Uhr, als ich nach ganzen 24 Stunden im gleißenden Tageslicht ins Bett wanke. Es ist 14:00 Uhr, als ich aufwache. Und nun, nach Frühstück und Samstagszeitung, ist es bereits 15:30 Uhr und damit fast schon wieder Zeit, ins Bett zu gehen. Etwa wie Grönemeyer: "Frühstück Abends um Acht". Kaum zu glauben, aber es war zu erwarten. Ich werde an diesem "freien" Wochenende ohne Tobi keine Blockhütte im Wald mit am Morgen dampfendem See in der Uckermark oder Brandenburg finden und dort dann nicht am frühen Morgen weit hinaus schwimmen. Ich werde auch keinen wunderbaren Sex dort haben. Dennoch ist es also früher Morgen geworden und gewesen und ich hatte viel Sex mit mir selbst.

Rückblende: Dieser Tag gestern war wahnsinnig lang und zog offensichtlich unbedingt eine ebenso lange Nacht nach sich. Morgens um Sieben mit Vater zum Augenarzt und anschließend im Büro, gedachte ich, den Tag mit Training und gutem Essen sachte beschließen zu wollen. Da war es allerdings erst knapp halb 11 und meine innere Uhr setzte zum Sprung an.

So viel Zeit. An jenem Freitag Abend raffte ich mich dann halt doch mal nach langer Zeit auf einen Sprung zum Wein-Micha auf. Mit den üblichen Folgen meiner daraus resultierenden An- und Aussichten über ihn und seinen Weinladen mitsamt meinem Abgleich über unser jeweils merkwürdig-kompliziertes Lebens. Er hat's nicht leicht, aber er macht es sich entsprechend auch nicht. Es kommen immer weniger Leute bzw. ehemalige "Freunde" zu ihm und er ist mittlerweile Hartz-4-Aufstocker. Den Begriff kannte ich vorher nicht; aber es macht deutlich, dass es hier keine Zukunft für ihn geben kann. Aber er gibt nicht auf und will den Laden halten. Irgendwie. Dumm ist er ja nicht; aber vielleicht zu lethargisch, ängstlich, zögerlich ... naja, in mancherlei Hinsicht wie ich. Vielleicht wartet er auf eine automatische Verbesserung der Dinge des Lebens. Ebenfalls wie ich. Das wird knapp bzw. nichts.

Ich bin also erst um Zwei zuhause und etwas erschrocken, dass es dann doch noch so spät wurde. Und es sollte noch viel später werden. Mit offenen Fenstern vor der zu erwartenden Hitze und Wein und Schwulenpornos en masse und meiner Vorstellung von temporärer Wohllust inmitten von geschmeidigen Körpern, schönen Gesichtern und einfühlsamen Schwänzen. Dazu die Erinnerungen an Carstens unglaublichen Sex und meine waghalsigen Ideen, am Barleber durch die schnellen schmalen Gänge am schwulen Strand hoffentlich irgendwie aufgehalten zu werden. Leider (oder zum Glück) bin ich dort immer ein bisschen zu hastig unterwegs gewesen. Für den Moment der hohen Erregung ist alles in dieser Gedankendiffusion erlaubt und phantastisch selbstverständlich; wohl wissend um die sich anschließende Scham, die noch ein bisschen später wiederum zur gloriosen Erinnerung und Startpunkt des sich immer wiederholenden Spiels wird.

Was für Talfahrten. Ich sollte mich endlich und jetzt frei- wie leer machen, jedoch ist es bereits 16:00 Uhr und der Samstag wird offensichtlich ohne Hütte, See und schwule Strände einen Sonntag gebieren, der es womöglich nicht viel besser kann. So ist das.

Fintess und Familie

Viel ist passiert seit dem 29. Mai. Heute ist es bereits der 26. Juni und ein ganzer Monat zog ins Land. Was ist los? Das Schreiben fällt mir wiedermal schwer. Dabei ist vieles leichter geworden. Mama geht's offensichtlich bedeutend besser; sie steht selbständig auf und läuft auch bereits viel besser und sicherer. Der Schreck hat sich gelegt. Für's Zweite. Eine Reha soll die Beweglichkeit wieder herstellen. Und noch immer weiß keiner genau, wie sowas passieren konnte. Unerkannte Covid-Erkrankung oder eine spontane Myositis - eine Muskelerkrankung, Autoimmunreaktion ... alles ist möglich. Jedoch nun vorwärts!

Zwischendrin waren Tobi und ich mit neuem Bus auf Jungfernreise knapp zwei Wochen in Kroatien bei Maja, Vinko, Toni, Dino und Niko. Es wurde nach und nach wärmer und mit dem Rad ins Velebit erwies sich als Fitness-Desaster, von mir deklariert als Fitnesslüge. Den letzten kleinen Berg musste ich schieben und die erste Wander-Etappe bis zur rettenden Quelle glich einem konditutionellen Fiasko. Selbst in die Höhe zu den Bergen aufzusehen schien mir nicht ohne Schwindel möglich. Und viele Pausen auf jener ersten Etappe, die in die Berge führt. Nach ausgiebig gekühltem Kopf und einem ganzen Liter kalten Quellwassers gings dann plötzlich wieder und es hielt bis zum Ende und reichte auch für das Zurückradeln bis ins Campstine.

Die letzte Nacht dort verlief gefühlt schlaffrei und ich bin mir nicht sicher, wie ich dennoch die ersten vier Stunden fahren konnte. Die Zwischenstopps auf Hin- wie Rückfahrt der Reise (Regensburg und Passau) ließen wir aus wegen schlechtem Wetters hinwärts und kalten Nächten rückwärts. Am Ende waren es dort dann doch keine 7 Grad Nachts, aber nun ist es so und wir haben es vorsichtshalber sein lassen. Ich vermute bei uns auch eine altersbedingte Bequemlichkeit; eine kühlere Nacht wäre früher überhaupt kein Grund gewesen.

Vom 12. Juni bis heute ist irgendwie nichts passiert oder ich habe es vergessen. Bei Mandy waren wir - zum 20. Jahrestag Mandy-Mannhausen. Schön siehts dort aus und endlich habe ich Renne und Tanja (haben jetzt ein Haus auf Sri Lanka) und die Dresdner und Oberkosseraner und sogar Taylor wieder gesehen. Wenn auch nur für ein paar Stunden, Tobis Rufdienst ohne Funknetz wäre da draussen ein Wagnis gewesen. Auch Mandys Eltern sind mit 87 und 83 noch immer wohlauf. Das ist sehr schön. Von Findus und Madam weiß ich nichts, weil ich - auch aus gewisser Angst - nicht nachgefragt habe.

Insgesamt gab es auch in diesen vergangenen Wochen zu viel Wein und meine Ambitionen liegen ebenso insgesamt brach. Ich bin trotz Wiederaufnahme tollkühnen Sports lasch und hege meine vagen Vorstellungen von mittlerweile "irgendetwas" Schönem nur in diffusen Gedanken. So wie jetzt, wie ich fürs bevorstehende freie Wochenende wiedermal über einen kleinen Ausflug mit mir und meinem neuen Bus nachdenke und mir nichts einfallen will. Außer beim weinseligen Einschlafen: bei dem ich mir so eine Hütte vorstelle, die ein junges Paar in der Uckermark vermietet; Frau und Kind sind auf Urlaub anderswo unterwegs und der Mann zeigt mir Hütte und See und Gegend und plötzlich entspinne ich eine wahnsinnig erotische Geschichte, die in großartigem Sex endet, wonach ich am Morgen danach durch den dampfenden See in die aufgehende Sonne schwimme.

Alles nichts Neues. Das macht es um so ermüdender. Ich bin gelangweilt, weil mir nichts einfallen will und mich solche maßlos langweiligen Dinge wie Steuererklärung (erstmals selbst machen) einen ganzen Tag dauern und schwer entmutigen. Was für ein Glück, dass ich das alles während meiner Arbeitszeit erledigen kann; ein Wochenende dafür aufzubringen, würde mich selbst schwer aufbringen und wütend machen. Schimpfen und Meckern geht leicht, wenn mir nichts Besseres einfällt. So gehts wahrscheinlich auch sehr vielen Unzufriedenen, die in unserem Land zu lamentierenden Protestwählern werden und dem brutalen Unsinn an die Macht verhelfen.

So also vergingen abermals die jungen Knospen und hellgrünen Blätter der Bäume mit all den sie umgebenden Farben also wieder in tropfende Linden und die flimmernde, gelbe Wärme. Obwohl es noch immer ganz gut draußen aussieht - alles steht in voller Reife und beginnt nun, direkt nach der Mittsommernacht, kürzer werdenden Tagen entgegenzusehen. Ach herrjeh.

Was für eine tiefe Ohnmacht

Es gilt, aufzupassen. Denn es wird jetzt eng für mich. Ja, natürlich muss zuerst der Wein weg. Das im letzten Jahr (und bestimmt schon viel öfter) beschriebene "Vogel im Wind" hat sich mehr als verdoppelt und mitsamt der Lage meiner Eltern stark intensiviert. Seit 08:00 liege ich halbwach im Bett und kann nie wieder schlafen; so sehr rumoren die halbseidenen Träume, argen Vorstellungen und beschreiben mich inmitten tosender Wellen, allein, hilflos weit draussen auf dem schwarzen, zähen Meer.

Das Frühstück um 10 scheint keines zu sein, ich muss dauernd an den sich totgesoffenen Uwe Steuer und die Frage "Wie geht totsaufen?" denken; denn so müsste es sich anfühlen: Nichts auf die Reihe bekommen, hilflos danebenstehen, schlichtweg von allem überfordert. Dann fährt die Olsenbande nach Jütland und die Charaktere und nahezu alles in diesem Film sind pekig, schmuddelig und dermaßen abgegriffen, dass es mir übel zu werden droht.

Jetzt bloß nicht einen Zentimeter nach vorn in die Zukunft denken - die wird noch viel schlimmer. Beim Versuch, die Camping-Dinge für den Bus zu sammeln, wird alles viel zu viel und ich würde gern die Hälfte wegwerfen. Alles aufgehobenes Zeug "für später", nichts passt zueinander und alles ist irgendwie dreckig, vergilbt - mit einem Wort: oll.

Nachtrag: Bin zum Training und anschließend zu Mama geradelt und am frühen Abend dann zu Heiko auf den Hof. Es geht schon wieder ein bisschen besser. Dennoch war dieser Tag nicht viel mehr als ein Griff in ein Klo, in das ich mich zuvor noch erbrochen hatte.

So du mir

Richtig heisst es "Wie du mir, so ich dir" und ich suchte nur nach einer sinnhaften Überschrift dessen, was ich hier kurz beschreiben möchte. Oft habe ich mich dabei ertappt, in Situationen größeren Unwohlseins grob zu überreagieren, wenn ich beispielsweise hinter dem Lenkrad lamentiere oder auch sonst andere Leute für für mein unentspanntes Unglück verantwortlich machen will.

Zwei schöne Beispiele mit Gegenwehr: Ich fahre zum Lidl mit dem Rad auf der Annastraße und kurz vor der Diesdorfer auf den linken Gehweg, damit es einfacher und kürzer für mich wird und denke mir nichts sonderlich Schlimmes dabei. Alles eine Frage der gegenseitigen Rücksichtsnahme. Auf dem Rückweg nehme ich den selben Weg. Nur bin ich damit dieses Mal auf der "richtigen" Seite. Und mir kommt auf genau dieser Querung ein Radfahrer entgegen, dem ich all mein Unverständnis mittels meiner Mimik zu übermitteln versuche. Zwei: Im Bus in der Abfahrt der Südringbrücke stehe ich links - und es geht ja dort auch nur nach links. Kurz nachdem die Ampel auf Grün steht, hupt es ausdauernd hinter mir und der Fahrer zeigt mir wild wütend gestikulierend mit den Händen, dass ich nicht geblinkt habe. Nach der Kreuzung auf der Sudenburger Wuhne fährt er mit Vollgas energisch an mir vorbei. Das wars eigentlich; mehr will und kann er nicht machen. Ich bin wütend und tue derweil so, als verständige ich per Telefon meine Freunde von der Polizei oder SEK oder den Russen, um ihm Angst einzujagen und fahre - weil wir zufällig denselben Weg haben - bis fast zu meinen Eltern hinter ihm her. Hoffentlich hat er wenigstens ein bisschen mit der Angst bekommen. Aha.

Ok. Und was wird das jetzt? Pass auf: es ist so einfach wie traurig. Eins: Der Radfahrer nahm haargenau den selben Weg mit wahrscheinlich der selben Absicht wie ich. Aber nur er sollte der Böse sein, der jedoch vorher absolut klar ich war. Zwei: Die Reaktion des Autofahrers kenne ich nur zu gut, weil ich sowas schon sehr sehr oft genau so gemacht habe. So eine Überreaktion ergibt natürlich überhaupt keinen Sinn - denn soll das denn nun eine Abmahnung oder Strafe sein?

Das waren zwei sehr wichtige Beobachtungen. Denn ich messe hier mit zweierlei Maß: Das, wofür ich die jeweils anderen beschimpfe, in Wut gerate und mich fürchterlich aufrege, habe ich längst selbst haargenau so und oft genug getan. Ein deutliches Zeichen höchster und offensichtlich unterdrückter Unzufriedenheit.

Was nun? Ein Messpunkt für meinen Zustand? Ja. Das Leben auf diese Art & Weise zu leben, zu fühlen, zu denken und zu reagieren liebe ich wahrlich nicht. Denn das Ende ist immer nur negativ. Immerhin habe ich es bemerkt.

Und mein verstärktes Weintrinken (als eine der Folgen des allens) darf ich auch nicht dieser derzeitig unsäglichen Situation meiner Mutter und den dazugehörenden Vorstellungen von womöglich nahenden, deutlichen Veränderungen im Gefüge meines bisherigen Lebens zuschreiben. Denn dieser mein überhaupt nicht guter Lebenswandel ohne weitere Entwicklungen und Aussichten hat sich bereits seit geraumer Zeit - spätestens deutlich dokumentierbar seit Corona (und auch hier in der Zehnsucht) immer mehr und sehr verdeutlicht.

(Das Foto habe ich mittels Adobe KI nach rechts erweitert. Es war vorher quadratisch).

Der Ernst der Lage

Das allgemein unsichere Gefühl beim Blick von oben auf die Um- und Zustände meiner Familie wird manchmal durchbrochen von einer heftigen Welle irgendeiner Gewissheit, die alles auf ein sehr klares AUS schalten wird. Nicht daß ich es nicht wüsste, und auch die Flucht vor diesen Gedanken gelingt leider immer wieder; allein es nützt nichts. Vielleicht gelingt es mir, mich zeitgleich totzutrinken und wir hören einfach alle gemeinsam auf, zu sein. Was für ein schütteres Bild. Es ist nichts verloren, nur komme ich mir manchmal so vor.

Das ist keine Übung.

Mama muss wieder ins Krankenhaus. Morgen. Es hat sich garnichts gebessert, mittlerweile kann sie keine 10cm Höhenunterschied mehr überwinden. Ein Desaster mit bisher ohne jede Aussicht. Die schlechte Stimmung bei beiden heizt sich schneller auf als bisher. Verständlich. In der Vorahnung, sie nun wieder ein paar Wochen in der Uni-Klinik mit Cortison vollzustopfen, damit es irgendwie besser geht, ohne aber die geringste Idee zu haben, wie die Ursachen zu finden sind, macht uns alle etwas mutlos.

Ich erinnerte mich an Jana, die nach ihrem Moped-Sturz in Italien in der Uni-Klinik Magdeburg auch nicht glücklich wurde und sich auf eigene Faust Spezialisten (ich glaube, in Kiel) gesucht hat. Darauf wird es bei uns auch hinaus laufen, denn so wie es bisher lief, wird es wohl nichts.

Also geht es wieder los und meine Ängste schüren sich weiter. Vielleicht ist es wirklich "nur" etwas, das in der Wirbelsäule auf die verantwortlichen Nerven für die entsprechenden Muskeln drückt; vielleicht ist es aber auch irgendetwas fortschreitendes, das womöglich weitere Lähmungen bis zur Atemdepression nach sich zieht. Hilft sowas wie Blutwäsche, um eine möglicherweise dafür verantwortliche Infektion aus dem Januar "rauszuspülen"? Oder sind es Spätfolgen einer nicht entdeckten Corona-Erkrankung? Je länger wir in Ungewissheit sind, desto mehr Varianten versuchen wir selbst herauszufinden. Trotz aller Untersuchungen in der Uni-Klinik konnte bisher nichts Genaues diagnostiziert werden. Heide versucht ihr Bestes, der Neurologe sucht nach Ideen und die Stimmung mag sich nicht aufhellen.

Nun bin ich erschöpft von dem ganzen Tun und Denken über die Ereignisse der letzten zwei Wochen, der Dachverbandskonferenz in Drübeck, der Gesamtverbandskonferenz bis gestern in Dresden (Foto: kurz nach Mitternacht aus dem Fenster im Hotel am Waldschlößchen), den Überlegungen, wie es mit dem Paritätischen und der Stimmung im Land weiter geht (...), trinke schnellen Wein und komme in der Summe dessen, was gerade passiert oder passiert ist, nicht umhin, zwischen Angst und Zuversicht so radikal zu wechseln, dass sich eine kleine Form von Ohnmacht breit machen möchte.

Severin ist nun an Lungenkrebs gestorben, am 10. Mai wurde sie im Friedwald beigesetzt; anschließend gabs im Bluenote eine kleine, Severin-gerechte Feier, an der ich dann auch teilnahm und nebenbei von Dorschi erfuhr, dass Uwe Steuer mittlerweile einsam und allein mit schwerem Wein über die Zeit hinweg, seit sich Maria von ihm getrennt hat, an sich selbst gestorben ist.

Dies ist keine Übung. Denn mittlerweile häufen sich die realen Ereignisse, deren Einschätzungen und Verarbeitungen man im Vorfeld ja doch nicht üben kann. Die Stände der Dinge werden deutlicher und wir sind allesamt also doch nicht unsterblich. Es wird ein bisschen enger.

Garnicht mal so schön

Vielleicht wird das der Titel eines meiner seit Jahren herumlungernden Songs. Die Worte sind bisher einfach ausgeblieben, die neuen klingen nach sarkastischer Kapitulation; die Erinnerung an alte Zeiten machen diese auch nicht besser, alles verblasst und wird dem Dogma des Negativen und dunkeldiffusen Lichts gestellt. Verbrühte Milch und Langeweile. Oder massiver Wein. Midlife Crisis? Nee, das wird nichts, weil diese Form des Zustandes nahezu immer so war. Oder jedenfalls so oft, dass es zu oft war. Schade, dass es das eigene Leben nur einmal gibt.

Alles tun, alles sein, alles werden, was man will ... der Punkt ist ein and'rer, der Punkt ist das Ziel. (auch eine schöne Textzeile). "Vom Centrum Warenhaus mit großer Verstärker-Anlage laut runtersingen oder schreien", das war mal eine Idee mit 14 oder so, wenn es denn ans Sterben ginge. Wüsste heute nicht mehr, was es zu singen gäbe.

Der Mensch fühlt sich in sozialer Umgebung am besten. Das kann ich zwar bestätigen, aber es stimmt bestimmt nicht. Sobald meine freudig-eiligen Schritte hin zum Ziel mit den Leuten verklungen sind und das dritte Bier getrunken ist, beginnen oft ad hoc die unwohlfühligen Fluchtgedanken. Und das ist überhaupt garnicht neu. Das war schon beim Barfly und im Alter von <30 Jahren so. Und wenn ich die Entwicklungen bei meinen Eltern beobachte und dazu aktuell die meinen betrachte, lassen sich Parallelen nicht ausschließen. Am Ende werden nur noch sehr wenige Leute übrig bleiben, die dir im Urlaub den Garten gießen, dich irgendwohin fahren, mit denen ich bzw. wir gemeinsame Unternehmungen haben.

In sozialer Umgebung wohl fühlen geht mit Neugier, Freundlichkeit, Entwicklung, Aussicht, Inspiration, Schönheit ... so eine Wortsammlung ist durchaus angebracht, weil sie im direkten Vergleich mit dem, was ich derzeit habe, auf ganzer Linie bestandslos ist. Aber wie denn nun wieder mal weiter? (noch'n Gedicht: "Wie wiedermal weiter")

Oft sind es die Sonntage

... die ein wenig leer sind und mich gern etwas mutlos machen wollen, was am Abend zuhause dann manchmal in eine Form der Traurigkeit übergehen kann. Dazu gesellt sich schnell die Idee, alkoholflüchtig frühzeitig ins Bett gehen zu wollen. Aber dann ist es meist erst um Neun. Ich weiß um die Hintergründe, die sich zu einem Nebel formen und sich mir dann als das Grauen nähern. Am Beispiel der Angst: Hilf- und antriebslos zu bleiben; angstreich vor familiären Toden, auch vor neuen Kollegen, die erstaunt feststellen, wie durchaus schlecht ich arbeite; Angst, Herausforderungen jedwelcher Art nicht meistern zu können; Panik, dass ich dem Wein nicht entsagen kann. Und wenn doch, dass sich dennoch nichts ändert. Angst, keine gute Musik mit guten Texten mehr machen, mich nicht einmal mehr gut ausdrücken zu können. Und weiterhin die berechtigte Angst des gesundheitlichen Gegenschlages, noch bevor die Gesellschaft zum Nationalsozialismus umschlägt und es zu Kriegen kommt.

Ich ahne auch eine konkrete Herleitung: Habe heute einen mittlerweile sehr - mir bis dahin un- bekannten Musiker namens Jacob Collier im Web gefunden und bin schockverglichen ob meiner Möglichkeiten, die zwar vielleicht nicht in dieser Qualität, jedoch in diese Richtung hätten gehen können. Grundvoraussetzungen wie Talent und Neugier gab es genug, Zweifel womöglich aber mehr und mein schwaches Vertrauen in mich selbst gebar einen Pretender, einen Täuscher, einen, der nur vorgab, etwas gut zu können, obwohl er es tatsächlich können hätte können. Der Trick bestand wie besteht darin, nicht verrückt, sondern echt und schlau zu werden.

May the 4th be with you. Am 1. August 2023 gab es so ein Bild schon einmal. Mit dem Titel "Nichts versucht und versagt". Wozu soll das hier gut sein, ausser alles ohne jegliches Update dauernd zu wiederholen?

Übung vorerst beendet

Mama ist wieder zuhause und versucht, langsam wieder in ihre Bewegung zurück zu kommen. Es waren drei Wochen in der Uni-Klinik, ohne dass man den Grund ihres Problems mit den Nerven und den Muskeln klar darstellen konnte. Das zehrt natürlich am Gemüt und wie Papa es heute sagte, haben die vielen Arztbesuche von beiden in letzter Zeit einen gewissen Unmut verursacht.

Dass ich diese letzten drei Wochen als meine "Übung" bezeichne, hat damit zu tun, dass ich sehr ängstlich wurde, wenn ich mir den worst case vorstellte, der mir unausweichlich sowieso bevor steht und für den ich mich nicht recht gewappnet sehe. Unser rationales Denken und Handeln wird sich dann sicher automatisch einstellen, dennoch bleibt die Furcht bei mir, dem gewachsen zu sein, zumal ich immer irgendwie nachbetrunken und damit nicht zu 100% handlungsfähig bin.

Was mir insgesamt heute auffiel, ist ein überwiegend vorherrschender Unmut nicht nur über die im Grunde ungeklärten Ursachen Mamas gesundheitlichen Zustandes. Mein eigentliches Problem ist der Umgang und die Bewertung mit vielen Situationen, in denen sie beide andere Leute und Zustände pauschal und damit meist sehr schlecht bewerten. Das ist schlichtweg negativ. Ich empfinde das deshalb als bedenklich, weil sich dieses Muster meiner Eltern über die Jahre hinweg auch auf mich übertragen haben muss. Denn ich bewerte oft auch auf genau diese Weise. Und das ist extrem unnötig; denn nur mit einer gewissen Gelassenheit und einem positiven, optimistischen Blick nach vorn lassen sich die Dinge des Leben mit uns selbst vereinbaren.

Es gab mal eine Zeit der Kommunikationsarmut zwischen uns - das könnte vielleicht so Ende der 90er (?)gewesen sein; eine Phase, in der ich mich von meinen Eltern irgendwie distanzierte und wir uns selten sahen. (Das war der Zeitraum, als Helge Christin heiratete, Onkel Manfred einige Zeit zuvor verstorben war und Papa dann seine Mandel-OP hatte und man zeitgleich bei ihm Diabetes diagnostizierte, was ich fast nur nebenbei mitbekam). Das war wohl ein Versuch der Loslösung von solchen Lebensmodellen oder -ansichten oder -bewertungen, die ich nicht zu meinen machen wollte. Weil ich auch ein bisschen Angst hatte, aufgrund fehlender eigener Lebensmodelle diesen Pfad dann doch einzuschlagen. Und ein bisschen ist es ja auch so.

Vermutlich ist es auch eine altersbedingte Manifestierung und Verstärkung der bereits bzw. längst bei meinen Eltern eingebauten Ansichten und Bewertungen über die Dinge des Lebens, die ich nicht zu meinen machen möchte. Beispiel erhöhter Toilettensitz heute: Als der Verkäufer (aus Premnitz via Kleinanzeigen) das Ding sogar noch persönlich vorbei brachte und wir den danach aufzusetzen versuchten, meinte Papa, dass er nicht passt und ich bemerkte die Schrauben an der Seite, mittels derer der Sitz passend gemacht werden konnte. Was da verbal ablief, ist kaum zu beschreiben: Mama merkt, dass ich es vielleicht hinkriege und faucht Papa an. Der wird wütend und alles ist großer Mist. Und auch ich sage laut, dass sie sich beide zurücknehmen sollen - es ist nur ein fucking Toilettensitz für 15 Eur und mit etwas Geduld könnten wir das hinbekommen.

Es fällt mir schwer, das hier genau zu beschreiben, weil es kleinlich, müssig, wenn auch beispielhaft ist. Eins noch: Als ich in den letzten Tagen bei Papa war, hatten wir seit Ewigkeiten erstmals die Gelegenheit, ohne Mama ein bisschen zur reden. Dabei bemerkte er etwas Wichtiges, wonach Mama mit ihrer Art in einer gewissen lautstarken Rechthaberei schon einige Leute verprellt habe, die sich dann lieber von meinen Eltern gelöst haben, als derlei Situationen noch länger zu ertragen. Sofort dachte ich an Ebbe & Renate, an Marlis & Ingo, an die Bienerts, an die Rostocker ... alles Leute, mit denen sie nahezu keinen Kontakt mehr haben. (Die Rostocker melden sich derzeit vorsichtig wieder ab und zu und die Deutung meiner Mama ist, dass sie "sich wohl wieder gefangen haben", ohne in Erwägung zu ziehen, dass sie selbst womöglich die Ursache für diese Pause gewesen sein könnte.)

Ich kann das sogar nachvollziehen, weil ich zum großen Teil wie meine Mama ticke: auch ich behaupte manchmal Dinge, von denen ich überhaupt keine klare Gewissheit habe und verteidige diese Position dann mit aller Macht und sehr vielen Worten. Manchmal und zum Glück bemerke ich das später und bevor es mir peinlich wird, verdränge ich diese Situation.) Papa meint, es handele sich hierbei um das "Brandenburger Syndrom", dem meine Tante Monika ebenso verfallen ist. Lautstark und rechthaberisch. Und den Grund sieht er in Tante Ella, die Schwester von Oma Hilde (?), die damals zwei Straßen weiter von den Bergemanns (Karl Laube Straße) wohnte. Ich habe sie nur noch schwach in Erinnerung, glaube sie aber als sehr lebendig-laute, wort- und argumentationsgewaltige Frau in Erinnerung zu haben. Mama streitet diesen Vergleich vehement ab und fühlt sich damit sogar beleidigt. Heisst es "getroffene Hunde"?

Für ein Fazit oder den Versuch, es mir hier in der Zehnsucht ein bisschen besser zu verdeutlichen, reicht es für heute nicht. Aber es ist mir immerhin gelungen, es aufzuschreiben. Diese drei Wochen seit dem 27. März waren eine nicht sehr schöne, aber wahrscheinlich notwendige Übung und ich wünsche mir, dass wir noch genügend gemeinsame Zeit mit weit friedlicheren, geruh- wie genügsamen und freundlichen Ansichten haben.

Bukowski

Von Bukowski lernen heisst Leben lernen, Bukowski zu lesen, heisst zu begreifen. Die eigenen Unzulänglichkeiten genau so wie den allgemeinen Unsinn der Menschen zu besehen. Und man fühlt sich so schnell verstanden. Das schreiben dann auch diejenigen in ihre Posts, die sich outen, voller Selbstzweifel zu sein, damit sie in das Zitat Bukwoskis passen, wonach sie also intelligent wären.

Und natürlich heisst Bukowski verstehen, dass es keinen Ausweg gibt und man sich schnell dabei ertappt, eine Warteflasche nach der anderen zu leeren. Von Bukowski lernen heisst auch, viel Wein zu trinken. Damit das Terrorisieren mit unsinnigen Kleinigkeiten weniger gut gelingt. Ich bin ein guter Schüler, indem ich vieles von dem abbilde, was er beschreibt. Das legitimiert mich wohl.

Schlaf, Kindchen, schlaf

Welch Dilemma: Versuche ich, mit dem Wein zu sparen und mich vernünftig gegen 22:30 Uhr ins Bett zu begeben, passiert es nahezu immer, dass ich vom kleinsten Lärm von oben oder unten aufwache und oft nur schwer einschlafen kann. Das geht schon 23:30 los, wenn ich mich dem Schlaf geradeso überschrieben habe und dann bspw. Volker sich ins Bett lärmt. Dann dauert es bei mir wieder, bis es wieder gelingt. Kann Volker nicht schlafen, kann ich es auch nicht. Dann kommt offensichtlich mein merkwürdiger Blutdruck dazu, der mich aufgewühlt gerne auch mal ganz ohne Volker ab 05:30 wach hält.

Das Dilemma ist: Habe ich genug Wein in mir, gelingt es vortrefflich und meine Kontrolluhr bescheinigt mir jedes mal einen ruhigen Tiefschlaf mit REM Phasen und wenigen Unterbrechungen - also so, wie es sein soll. Aber auf diese Art sollte und darf es nicht sein. Doof.

Ich müsste mich um mehr Ausgeglichenheit bemühen. Und das sofort. Denn das kommt nicht einfach eins zwei drei. Aber wie, wenn der Wunsch es willt, aber der Wille sich wünscht, mehr wollen zu können.

Fakten vom Broilermann

Am Ende eines dann doch noch schweren Laufes entlang der Mittelachse erstand ich am Stand des geschwätzigen Broilerverkäufers meinen halben Hahn, nicht ohne eine seiner gelegentlichen und nicht immer hilf- oder sinnreichen Stories hören zu müssen. Diese allerdings saß: "Warum quälst du dich eigentlich so? Wir hatten bei uns damals einen, der war immer vorneweg, ein Kerl wie ein Baum, immer Erster, immer der Stärkste. Ist jeden Tag 10 km gelaufen - jeden Tag! Jahre später in Hannover im Park haben sie ihn dann gefunden: Totgesoffen. Mit 52. Sportler werden auch nicht älter als andere. Sie sterben nur gesünder."

Das Letzte half mir zurück zur Sinnfindung, denn wenn ich schon Mist baue und nur wenig auf die Reihe bekomme, so will ich wenigstens den körperlichen Schein wahren und mich darin gut befinden. Gleich danach dachte ich an das Gegenteil: Ohne Wein, dafür mit Ideen fürs Leben, wenn auch ein bisschen mollig. Nee, geht und stimmt so einfach ja auch nicht. Aber Totsaufen ist auch kein schönes Sterben - wurde im "Trinker" ja schon so besungen. Und meine Rennerei ist zum großen Teile eine versuchte Wiedergutmachung am Raubbau meiner Gesundheit durch eben solche Besäufnisse. Nur nach Hannover möchte ich nicht.

Vater, Mutter, Kind

Am Sonntag sitzen wir wieder als Familie beisammen am Krankenbett meiner Mutter und sie ist munter und macht Witze mit der Schwester, die so witzig nicht sind. "Hatten Sie Schmerzen?" ... "Und wie!!!" und selbst mein Vater meint, es wäre gut, hier nicht so theatralisch aufzuspielen. Recht hat er und ich glaube in ihrer Übertreibung eine Art Überspielung der ganzen Situation zu erkennen, die mir selbst nur zu gut bekannt ist: Eine Situation positiv aufzuwerten, ihr das Bedrohliche zu nehmen und ein besseres Gefühl zu zu hinterlassen. Das bin ganz genau ich. Und wenn ich einen Vergleich zu meinem Vater ziehen sollte, fiele mir sofort Tobi ein. Tobi reagiert bei mir genau so wie mein Vater über meine Mutter. Wir sind die Pendants meiner Eltern. (Bei den Spimpsons gab es mal die Episode, dass Töchter - in dem Fall Lisa - sich ihre Ehemänner nach dem Vorbild ihres Vaters aussichen, sei er auch noch so unglaubwürdig oder fehlerhaft. Bei den Simpsons ist es Luca$ (LucaDollar), der in der Zukunft übermäßig fett wird und am Ende Lisa verspeist ...)

Da wir das also nun über uns erneut bestätigt haben, kann ich es vielleicht besser einschätzen. Und vielleicht sogar ein bisschen steuern. Ich vermute nämlich, dass ich ziemlich nervig sein kann in meinen Bestrebungen, irgendwie irgendeinen anderen Zustand herbei führen zu wollen, ohne zu wissen, welchen genau und warum. Verdrängungsprinzip. Angst. Unmut. Langeweile ... es kann vieles sein.

Viel länger als eine halbe Stunde kann ich es nicht so gut aushalten, meine unbeholfene Mama im Bett zu sehen, wie sie sich nur mit großer Anstrengung bewegen kann. Es wird schon wieder, aber es gibt mir auch ein deutliches Zeichen, dass nichts mehr genau so wird wie es früher war und dass es grundsätzlich irgendwann vorbei sein wird. Und das, was ich hier seit eineinhalb Wochen in Höhen und Tiefen, in großer Sorge und Entspannung durchfliege, macht mir klar, wie unsicher ich in derlei Dingen aufgestellt und quasi ungeschult verängstigt bin. Dieses Mal wird mich niemand davor beschützen.

P.S.. Und jetzt werde ich mit meiner Gitarre und Tom Traubert's Blues ein bisschen traurig oder so. Naja.

Der schmale Grips

Manchmal, an Vormittagen wie diesen, ist alles vergebens. Alle Gedanken führen ins Aus, alle Erinnerungen waren Vorhersagen, alle Ausblicke sind zwecklos. Das große Ganze ist nie zu fassen, das kleine Bisschen hadert und verkümmert. Die Balance ist uneins und es trennt nur ein schmaler Grat zwischen Verstand und Wahn. Der Rest besteht aus Angst und Möglichkeiten.

Sex 666

Es gibt Tage, an denen mich mein sexuelles Verlangen zu Handlungen verführt, die zum einen sehr schön, zum anderen aber auch wegen derer Anrüchigkeit gefährlich werden können, wenn es mich nicht mehr hält und ich sogar auf dem Klo im Paritätischen nochmal Hand anlegen muss. Das gab es schonmal, als ich im Pari-Studio erfreut über die von mir eingekaufte und sogar funktionierende Technik die Kamera auf mich richtete, alles hübsch ausleuchtete und mich entblößte. Das Gefährliche und die mit Blick von oben enorm törichte und sehr dumme Idee, dazu noch einen Zoom-Video-Kanal zu öffnen, um zu testen, ob und wie so eine Konferenz funktionieren könne, raubt mir heute noch allen Glauben an meinen Verstand. (Das war damals der Zoom-Account der Landesgeschäftsführung; kaum auszudenken, wenn genau zu dieser Zeit gerade eine echte Konferenz auf diesem Account stattgefunden hätte. Dann wäre ich ad hoc nackt mit erigiertem Schwanz Bestandteil einer Live-Konferenz gewesen. Da hätten drei Sekunden gereicht, um zu kassieren.)

Wie es dazu kam: Am Dienstag trank ich mit Leuten im Bluenote etwas Bier und es gelang mir, nach fünf Gläsern nach Hause zu gehen, nur um dort - wie immer - Wein zu trinken. Dabei gedachte ich, der Schwulen-Porno Seite icegay.tv einen Besuch abzustatten. Da gab es zweidrei Filme, die mich sehr beflügelten und ich beim Besehen und mit gleichzeitiger Vorstellung, wie Carsten (der leider verstorben ist) mich nicht nur sehr verwöhnen, sondern auch ficken würde, zu einem wunderbaren Orgasmus kam. Das trug sich offensichtlich durch die Nacht und da ich am nächsten Morgen gegen halb Zehn noch immer nachbetrunken war, kam der neue VibrationDildo ad hoc zum Einsatz. Solche Zustände sind die beste Möglichkeit für mich, es zu wagen und mir das Ding reinzuschieben. Der anfängliche Schmerz ist dann nicht so schlimm und ich gewöhne mich schneller an die Situation als im nüchternen Zustand. So geschehen verschaffte ich mir also eine weitere erotische Explosion. Dann radelte ich ins Büro und machte ein paar Backups, wobei ich in meinem neu aufgeräumten und frühlinglich hellen Büro gegen Mittag beflügelnd wieder die linke Hand in der Hosentasche hatte, die meinen Schwanz mitsamt den Gedanken an einen Carsten oder auch an einen hübschen FSJ-ler oder Praktikanten oder sonstwelchen phantasierten Typen sich lustvoll regen und fordern ließ. Das Ende fand dann auf der Toilette statt und wie oft im Nachhinein (siehe Nelson Munz): Große Scham. Obwohl. Eigentlich nicht.

Aber normal scheint mir das nicht. Und es kann, wie beschrieben, auch gefährlich sein. Aber was ist das? Woher kommt das und was sind die Gründe dafür, die - wie ich glaube - bereits aus frühen Tagen stammen? (Siehe Kinderkrippe Schilfbreite oder Kindergarten Helmstedter oder Kienwerder im Alter von etwa sieben und dem heimlichen Ausziehen der Badehose und nackt auf dem Weg laufen [was alle dort so machten, für mich aber sehr besonders war]; siehe die ganzen nackten Fotosessions in der Pettenkofer, OvG, in der Hütte Braunschwende im Harz, an der Elbe im Bus, im Strickpullover nackt mit Mandy vor dem Hostel in Amsterdam oder am nächtlichen Dreetzsee bis hin zur Dachkammer im Puppentheater +++), da gibt es so viele mehr gewagte Szenarien, um deren Hintergrund ich gern wissen möchte.

Resilienztest

Es wackelt in der Nähe der Knie und zittert am Oberkörper, während der Kopf fortwährend die Flucht sucht. Nichtmal die nach vorn, sondern nur weg von hier. Ein sehr starkes Gefühl von Schwäche durchflutet mich und bin mir nicht sicher, in welcher Realität ich mich befinde. Offensichtlich fand hier soetwas wie ein Test statt, den ich erst jetzt aufschreiben kann. Weil es schwer zu begreifen ist und auch jetzt, im fast Nachhinein, immer noch etwas unwirklich erscheint

Mit der Mo fing es am 24. März an, als sie unvermittelt und mit 52 Jahren starb. Und wieder gleiche ich die Alterszahlen in den Todesanzeigen der Zeitung ab und versuche, ein statistisches Mittel zu generieren, das mir offensichtlich Mut machen soll, jetzt noch nicht dran zu sein, obwohl ich nichtmal der große Vertreter inniglicher Lebensfreude bin.

Am Donnerstag, 27. März strich "Sev" Severine - ma très chère Cousine - ihre Segel weiß und entschwand über das große Meer ins Niemandsland. Der Lungenkrebs hat sie kaputt gemacht und nun sitzen der traurige Riese Wuschel und sein 15-jähriger Sohn Jael zwischen den Welten, winken ihr nach und müssen sich vorbereiten auf ein Leben ohne sie.

Und dann versuchte meine Mutter mithilfe MRT Untersuchungen und Neurologen herauszufinden, warum sie seit zwei Wochen ihre Beine nicht mehr anheben kann. Der Neurologe schickte sie am Donnerstag nach der Untersuchung sofort in die Notaufnahme und als ich es von Tobi erfuhr, passierte etwas Merkwürdiges: Ich bekam es mit der Angst. Bisher hatte sich in solchen Situationen immer eine gewisse realistische Einschätzung zur Maßgabe des Gelingens gesellt. Durch die Ereignisse dieses Jahres mit dem Tod von Micha Cohnerts Vater und meiner dadurch erneut initialisierten Sensibilisierung wuchs in mir eine Gewissheit von Endlichkeit, der wir uns nicht auszuweichen in der Lage sehen werden.

So also wusste niemand in der Uniklinik, was eigentlich mit ihr los ist und noch heute versucht man es immer weiter einzukreisen, um es dingfest zu machen. Noch am Donnerstag war überhaupt nicht klar, was ab jetzt werden sollte. Ich bin so wahnsinnig stolz wie froh auf und über Tobi, der hier eine Art Dispatcher-Rolle innehatte. Wir telefonierten viel, auch mit meinem Vater, und am Ende fand ich mich beruhigter im Bluenote und trank mit zittrigen Händen Bier. Den Freitag begann ich mit Flüchen über mich und darüber, dass ich mich insbesondere in einer solchen Situation (vermutlich aus Angst oder Gewohnheit oder beidem) dem postbierlichen Wein zu sehr hingegeben hatte, statt einen klaren Verstand für die Lage zu behalten. Am selben Freitag wurde meiner Mutter ein EEG, eine Lumbalpunktion und abends noch ein MRT zuteil, was laut Tobi eine nahezu unglaubliche Leistung seitens der Klinik war, mir jedoch dabei noch ein bisschen weitere Angst um den unklaren Zustand meiner Mom zuteil werden zu lassen: Wenn man sich dort so viel Mühe gibt, dann scheint man selbst eher ratlos zu sein.

Mittlerweile ist es Dienstag, der 1. April und noch immer haben Cortison und die Untersuchungen noch nicht zur vollständigen Klärung oder Behandlung / Besserung beigetragen. Es geht ihr schon weit besser, aber das Problem ist bisher nur insofern definiert, als dass die neuronalen "Leitungen" nicht genug Saft bis nach unten haben, um den Muskeln Bescheid zu geben, wie sie sich zu bewegen haben. Entzündungen irgendwo im BWS und LWS Bereich machen die notwendigen Kanäle vermutlich noch enger ... und hier beginnt bereits mein Unsachverstand und ich warte auf die Diagnosen und Aussichten, wenn man sie aus der Klinik entlässt, was wahrscheinlich noch in dieser Woche passieren wird.

Zusammenfassend und nahezu im Nachhinein fühlt sich das Ganze wie eine Art Stresstest an, in welchem in mir eine brisante Mischung aus Angst, Erinnerung, Zukunftsvorstellung und versucht zu begreifender Realität alles durcheinander wirbelt, immer begleitet von einem gewissen Ohnmachtsgefühl, einer Angst samt Fluchtgedanken mit einer sich schnell stark machenden Hoffnung, sobald das Schlimmste überstanden scheint.

Zum Glück und zum Tobi bin ich dann am Freitag bei ihm gewesen und habe so heimlich wie deutlich tief in mir gespürt, dass ich ein bisschen ausgeglichener und in einigen Fällen auch realistischer werden muss, wenn es um mein Verhalten auch Tobi gegenüber geht. Ich empfand sehr viel Dankbarkeit und verglich dabei meine oft ungeduldige, unsachliche Art, resultierend aus den nicht realisierten (weil nicht definierten) Wunschvorstellungen von (gemeinsamem) Leben in all den möglichen Facetten. Schon die Wortwahl hier macht es deutlich und der heisse Brei sollte sich entweder abkühlen oder ich sollte nicht so drumherum schleichen.

Im Moment steht hier die Zuversicht im Raum, auch beflügelt von der reduzierten Weinmenge, die eine weitere Menge besseren Befindens und Denkvermögens verursacht hat.

Mo

"Und jetzt bist du - wer weiß wo ... arme Mo." Ein Song von Herman van Veen, der mit Mo - Monika Kempfle, mit Clemens, dem (damaligen) Wetterfrosch vom ZDF verheiratet und seither Nitsche heißend, eigentlich nicht viel zu tun hat. Jedoch immer, wenn mir dieser Song einfiel - und den ich gerade jetzt erst vor Kurzem auf Apple Musik seit langem mal wieder gehört gehört habe - dachte ich an Mo. "Ich will zu meine(r) Mo.", rief Mandy auf der langen Fahrt von den Dolomiten Richtung Regensburg, als ich die richtige Ausfahrt auf der Autobahn verpasste, Mandy auf dem Beifahrersitz unseres Munkhtenger VW T3 erwachte und wir feststellten, dass wir einem großen Umweg entgegen sehen würden.

Mo und Mandy lernten sich im Jugendhaus der Caritas in der Blindengasse im 14. Bezirk Wiens kennen. Das war 1995. Und ich lernte sie kurz darauf auch kennen. Wir waren damals in Regensburg, wo sie eine Wohnung hatte; später dann in München auf einem Maceo Parker Konzert (wo ich auch Clemens kurz kennenlernte) und noch ein bisschen später übernachteten wir auf unserer Reise in die Toscana bei ihr (Foto). Mo hatte damals eine Leukämie - einen miserablen Blut-Krebs - überstanden und man erklärte sie nach sieben Jahren ohne weitere Positiv-Befunde für geheilt.

Sie war auch bei uns in Magdeburg so um das Jahr 2000+ mit Schießl (Andreas), der gerne mit ihr was angefangen hätte. Sie schliefen in der OvG unten auf der Straße in seinem Bus und der Schießl meinte später, sie wäre zu verkopft für eine Beziehung. Stattdessen kehrte er halt einige Jahre später (2012?) auf einen Versuch bei Mandy ein, als wir uns längst getrennt hatten. Woraus dann aber auch nichts wurde.

Dann wurde es lange still um uns und erst in der Freiwilligenagentur mit Birgit Bursee gab es neue Verknüpfungen, weil Mo bei der FWA Tatendrang in München arbeitete. Ein bisschen später (2011) fing sie beim Paritätischen Bayern an und als ich 2019 zum Paritätischen stoß, hatten wir erstmals wieder direkten Kontakt.

Ich dachte immer wieder daran, dass ich Mo und Mandy irgendwann mal, vielleicht in Mannhausen, zusammenbringe nach den vielen Jahren und habe es Mandy gegenüber immer verheimlicht, weil ich sie damit überraschen wollte. Weil sie sich do so mochten. Meiner Einzug gehaltenen Stumpfheit und auch dem nachlassenden Kontakt zu Mandy geschuldet, hat sich das nicht ergeben. Wird es auch nicht mehr, denn am Montag (24.03.2025) ist Mo gestorben. Heute vormittag in der Videokonferenz mit dem Arbeitskreis Öffentlichkeitsarbeit der Bundesländer wurde das aus München kurz erwähnt und ich wurde jäh aus meinem Hangover hochgeschreckt und wusste sofort, um wen es ging. Ich rief in der Pause dort an und Gabriele Dorby erzählte mir, das Mo im Urlaub in Südtirol war, sie da auch noch telefonierten; Mo zurück kam und dann eine Lungenentzündung bekam. Offensichtlich war die so heftig, dass sie aufs Herz ging, so dass man Mo mit einem Herzkatheder untersuchte. Genau bei dieser Prozedur verstarb sie plötzlich.

(Gabriele macht sich derweil Gedanken darüber, dass wir in unserem Alter (Mo war 52) aufgrund unserer damaligen Lebensbedingungen, der Umwelt, unserer sorglosen Nahrung und sowas wie Tschernobyl jetzt plötzlich in größerem Ausmaß in diesem Alter daran versterben. Naja. Ok.)

Nun ist Mo gestorben. Wir hatten nicht so sehr viel miteinander erlebt; jedoch reicht das Wenige an eine sehr schöne Erinnerung an sie und an uns und unsere Wege. Und es ficht es mich an, denn ich habe seit einigen Wochen schwere Nöte bei meinen Gedanken über den Tod. Über meinen, den meiner Eltern, denen meines Umfeldes.

Am Schrank ihrer Küche damals (am 23.09.2000 um 00:51 Uhr) hing eine Aufkleber mit zwei sich vor Lachen krümmenden Mikrowellen, bei der die eine fragte: "Warum zwei Mikrowellen?" und die andere antwortete: "Zum Überspielen." Mein Humor. 25 Jahre seitdem. Und nun ist es aus. Arme Mo.

Leolo Lozone

Einer der vielen Filme im Exlibris bei den "Mad Movies" - einer von Köhli installierten Filmreihe - hieß "Leolo". Das war ungefähr 1994/95 und ich war damit im besten Alter, dieses mein Leben in Frage zu stellen. Blöderweise habe ich bis heute nicht damit aufgehört. Und deshalb habe ich mir diesen Film als VHS-Kopie per mp4 im Download heute nochmal angesehen. Zwei Sätze daraus habe ich mir interessanterweise bis heute gemerkt:

"An diesem Tag habe ich gelernt, dass die Angst ganz tief in uns steckt. Und daran kann auch ein ganzer Berg von Muskeln oder eine Million Soldaten nichts ändern." sowie "Und wie immer sah ich mir selbst zu, wie ich Leben spielte." Jetzt weiß ich auch, warum ich diese Zitate in einem solch bizarren Film bis heute nicht vergessen habe: Weil sie meine Basis zu sein scheinen und damit immer noch Bestand haben. Liest sich allerdings mittlerweile leider wie ein aufgeklebter Spruch an der Wand. 25 versus 55 Jahre. Ich frage mit 85 nochmal nach. Falls das geht.

Was fällt dir ein?

Nichts. Mir fällt nichts mehr ein. Mir fällt aber auf, dass mir nichts mehr einfällt. Ich wollte schon Listen machen mit den Dingen, die ich gerne gemacht hätte, würde ich noch gesund sein oder müsste nicht bald sterben. (Nein, noch ist dem nicht so; nur die Gedanken daran werden irgendwie plausibler) Doch auch da hakt es. Aber warum? Stattdessen ist nun auch der Montag Morgen bereits nachbeweissweint und ich fasse es nicht, wie ich nach einem ewigen Bier und einem langen Glas Wein plötzlich immer so an Fahrt aufnehme. Goo. Wie am Freitag nach dem Symphoniekonzert und einem anschließenden GinTonic, der bis Mitternacht reichte, um mir dann aber noch einen ganzen Liter Weisswein zu vermachen, als Tobi längst im Bett war. Das ist Hochleistungssport. Und tötet ob seiner Permanenz wahrscheinlich so viele Gehirnzellen, dass mir daraufhin und dazu nichts mehr einfällt. Musik, Foto, Menschen, Reisen, Auf- & Umräumen, Erneuern, Trennen & Lösen, Natur, Ferne, schöne Gedanken, Tränen der Freude ... aufzählen gelingt mir noch, aber mir fällt dazu nichts ein. Draussen schreit der Frühling und drinnen bleibt es kühl.

Geburtstagsstatistik

Fünfundfünfzig. Die fetten Partys sind vorbei. Wir haben uns mit Sarah und Stef heute im Bluenote erinnert, wie das bei meinem Vierzigsten in 2010 war: Ebenfalls im Bluenote hatte ich damals (wahrscheinlich mit Jörg und Ronald) ein kleines Jeskomclub-Konzert gespielt. Fünfzehn Jahre ist das her. Also 2010. Und es waren so viele Leute da. Neben meinen Eltern auch Ines, Helge und Biene, Marek und eine große Menge von Leuten, die ich heute noch zu meinem Bekannten- und Freundeskreis zählen darf. Sehr viel über diesen Abend habe ich offensichtlich in der Zehnsucht nicht geschrieben. Hier und hier vielleicht ein bisschen. Und wir haben uns heute an so viel mehr erinnert, als hier aufgeschrieben wurde. Eine Gelegenheit, es jetzt aus der Erinnerung nachzuholen:

Im Bluenote ein Kontingent von 1000 Euro mit Wuschel und Katrin festgemacht und es nachträglich erhöht, weil so viel Leute auftauchten - auch die, die nicht mit meinem Geburtstag zu tun hatten. Egal. Das dicke C war auch da (der hier noch eine weitere Rolle spielen wird) und der in der Freundin meiner Cousine Ines seine Cousine wiedererkannte. Dann meine Geschenke-Idee: dass mir all meine Gäste keine Geschenke, sondern Ideen für mein Weiterleben mitbringen sollten. Da waren Gudio Käpernik und Janet, die mir 40 chinesische Glückskekse brachten; Kubon und Christina, die mir jeweils eine CD mit 40 Songs zusammenstellten, von denen sie dachten, dass sie auf mich passen könnten (und das taten sie); Tom Michme und Zwiebel, die mir eine 40-Minuten-CD-Produktion im Heartdisco Studio schenkten; Gören, der mir 40 CD-Rohlinge für meine zukünftigen musikalischen Ideen mitbrachte; Ines, die mir Carnegies "Sorge dich nicht, lebe" anheim legen wollte oder Helge und Biene, die mir eine Pinnwand mit 40 wahrscheinlich guten Gedanken präsentierten ... von derlei Geschenk-Ideen gab es bestimmt noch weitere, an die ich mich im Moment nicht erinnern kann.

Es war ein großer Abend und ich ging mit meiner frischen Nikon umher und bat alle Leute im Selfie mit mir, so böse wie möglich dreinzuschauen. Zwiebel hatte es ziemlich gut drauf gehabt und ich erinnere mich, wie ich heimlich dachte, dass ich mich in ihn verlieben könne, wenn er nur den Spirit von Ronald hätte. Au warte, was für eine Melange damals.

Der Abend ging also irgendwann im Bluenote zu Ende und die Party lebte erneut auf, als wir bei mir zuhause waren. Dabei waren in meiner Erinnerung Ines (mit der ich am Vorabend den großen Topf Chili con Carne gekocht und zu ihrer Erheiterung Kaffeepulver hineingestreut hatte - und ich ein Foto von mir um Null Uhr machte, als sie zu Bett gegangen war), Marek, das dicke C., Sarah, Norbert (der Bruder von Stef) ... und vielleicht noch einzwei anderen, an die ich mich im Moment nicht erinnere.

Norbert hatte dann im morgendlichen Sonnenlicht mit Sarah in meinem Wohnzimmer getanzt und ich malte mir in diesem Moment aus, dass er es gern mit ihr aufnehmen bzw. sie irgendwohin mitnehmen wollte. Egal. Der Tag begann in heller Sonne, ich riss das Fenster auf und rief irgendetwas Glückliches in die Luft, Ines war bereits im Bett, Marek ging dann auch und am Ende blieben nur noch das dicke C. und ich übrig. Was sich in den letzten Stunden angebahnt hatte, wurde nun konkret: Er zog mich aus, legte mich auf mich Couch und fing an, mir den Hintern (ui, das ist oll, aber war so:) Hintern zu lecken. Sagt man das so? Jedenfalls dachte ich daran, dass diese Idee nach all den Stunden diese langen Tages womöglich nicht sonderlich ästhetisch oder schmackhaft sein könnte; ließ es aber geschehen. Dann fanden sich seine Finger in mir und ich musste in meinem Werden über die schwule Liebe samt deren Sex erneut feststellen, dass es womöglich cool, aber nicht das Richtige ist. Nunja, er schlief mittendrin neben mir ein und ich gedachte mir aus aus diesem gemeinsamen Bild zumindest noch einen Orgasmus zu verschaffen. Es kam dann auch so (sic!) - aber es war womöglich auch der sehr langen Nacht geschuldet, dass ich es zwar als endlich richtig schwules sexuelles Erlebnis "geil" fand, letztlich aber erneut feststellte, dass es nicht reicht.

Am - wahrscheinlich frühen Nachmittag - standen wir alle da, frühstückten; Carsten (das dicke C) hielt mir grinsend meinen am Boden liegenden grauen Slip am Mittelfinger entgegen (und das gefiel mir in der Vorstellung all dessen und mehr davon sehr) und der große, lange Tag mitsamt all der Erinnerungen des Abends mit den 80 Leuten im Bluenote und der anschließenden Nacht schlich sich davon. Wie schön, dass wir uns heute nochmal daran erinnert haben und ich das hier nachtragen konnte.

Heute also zum Fünfundfünfzigsten gab es keine Party. Zumindest keine besondere. Als ich Fünfzig wurde, kam Corona / Covid19 fast auf den Tag genau ins System und verhinderte alle Pläne (die auch so nicht sonderlich von Party-Ideen ausgeprägt waren). Und so blieb es. Bis heute. Genau wie mit meiner Musik und Jeskom oder überhaupt irgendwelchen Anstrengungen. Ich hab mich durchgesoffen und dabei erstaunlich gut erhalten in Job und Zeit und Geld und dem ganzen Quatsch.

Statistik 2025 mit also 55 Jahren: Es ist gemein, das hier aufzulisten, denn auch ich bedenke sehr oft nicht mehr anderer Leute Geburtstage. Freunde kommen, Freunde gehen; zumindest werden die wenigsten zu Fremdem. Die Verhältnisse ändern sich, die Konstellationen verschieben sich. Wir haben weniger gemeinsam, weil wir keine gemeinsamen Ziele mehr haben. Zumindest nicht mehr solche, die uns zusammenraufen und etwas Neues entstehen lassen.

Derweil klauben wir uns aus alten verblichenen Kalendern die Geburtstagsdaten ehemaliger oder noch bestehender Gesinnungsgenossen und vermelden Glück, Gesundheit und Weltfrieden und "man müsste mal wieder...", die gerne auch bei Entschuldigungen über das verpasste Datum herhalten.

Geburtstagsstatistik also? Bitteschön (in irgendwelcher Reihenfolge):

Wie ich sehe, bin ich unvergessen. Naja, vielleicht ist das auch ein bisschen hanebüchen. Aber vielleicht kommen ja zwei Drittel davon zu meiner Beerdigung, wenn es jetzt soweit sein sollte.

spring, deejay, spring!

Resümees an Geburts- oder anderen speziellen Tagen haben oft etwas Zwanghaftes. Sei's drum; die letzten Abende gereichten mir nicht zum Aufrappeln, um mich oder mein Universum zu erklären. Was wiederum damit zusammenhängt, dass es meist dieselbe Beschreibung ist und offensichtlich bleibt.

Was bisher geschah: Ich befinde mich plötzlich im Bluthochdruck. Das merke ich abends und beim Schlafen. Die üblichen Werte schnellen plötzlich hoch und landen nicht selten bei 160:90+. Das ist sehr verwunderlich, dafür aber auch sehr gefährlich und gab es so noch nie - eher im Gegenteil. Ich habe meinen T4 endlich und mit neuem TÜV und bisschen Nachjustieren für 12,5k an eine quasi Nachbarin verkaufen können, die ich bisher garnicht kannte, obwohl wir ein relativ gemeinsames Umfeld haben. Nun hoffe ich, der Bus bleibt ihr gewogen. So. Okay.

Severin hat Lungenkrebs und es scheint nichst mehr zu machen zu sein. Und Sarah und ich wissen nicht, ob wir hinfahren sollten zu Wusch in den Wald. Wie verhält man sich in solchen miesen Situationen? Nachher ist immer alles zu spät. Das Grab von Ex ist wieder aufgetaucht; es hielt Winterschlaf im Schnee.

Ich versuche eine Eigentherapie, bei welcher das Bluenote nur noch 2 mal die Woche erlaubt ist und ansonsten nur eine Flasche Bier und "keine" ganze Flasche leichten Weines erlaubt sind. Meine Güte, ist das peinlich, sich so mengengerecht zügeln zu müssen. Das Bier davor bleibt jetzt auch weg. Jaja, alles klar. Und Unsinn. Vielleicht ist mein manchmal etwas überboardender Sport auch ein bisschen verantwortlich (siehe flow.polar.com), wenn er dem Alkoholmißbrauch als Gegenpol dienen soll und damit das zweite Extrem bildet. Da nutzt sich bestimmt viel ab. Weiterhin habe ich zumindest zum ungefähr viertausendsten Mal festgestellt, dass es sich dennoch besser anfühlt, klar im Kopf am Morgen und erschöpft im Körper nach dem Training zu sein - wenn auch von da aus weiterhin ratlos zu bleiben. Aber es fühlt sich besser an. Immerhin.

Genau jetzt (10:01 Uhr) findet die Tages- und Nachtgleiche statt, der Frühling beginnt, es wird sehr sonnig(!) und warm heute und wir sehen mal zu, ob ich the Land, the Sea and the Air (siehe Bild) so erleben und in mich aufzusaugen in der Lage bin, dass ich es unkommentiert auf meinem Weg der schönen Gedanken und Taten mitnehmen kann. Spring nicht, Deejay, spring nicht!

Artautismus und das Alter

Was in Kindheit und Jugend unter dieser oder anverwandter Diagnose des ADHS zu wildem, ungezogenem, künstlerisch tangiertem Gebaren führte, scheint sich mit den Jahren entweder zu beruhigen oder irgendwie zurückzuziehen. Eine Hypothese könnte sein, dass es tatsächlich vorbei und die Kraft der Störung verballert ist, so dass ich mich nun ohne anerlernte Orientierung irgendwie mit dem Leben arrangiert habe, dabei aber so viel wie möglich betäubende Mengen weißen Weines zu mir nehme, um keine möglicherweise schlafenden Riesen zu wecken.

Das bringt mich zielgerade zur zweiten Hypothese: Das wilde Feuer der Äußerlichkeiten hat sich altersbedingt zur Sparflamme entwickelt, so dass die Monster sich nun weiterhin, aber nur noch in meinem Kopf versammeln, um dort Unheil anzurichten. Das schaffen sie durch permanente Reflektion und jedes einzelne Monster hat eine Idee beizusteuern. Psychoterror statt künstlerischer Weitsprung.

Ich fühle zuweilen eine unbestimmte, aber deutliche Hilflosigkeit den Belangen des Lebens gegenüber. Selbst kleine Vorhaben scheinen leicht zu scheitern; mittelfristigen Terminen sehe ich unbestimmt entgegen und im Großen Ganzen scheine ich nichts mehr auf die Reihe bekommen zu können, zu wollen.

Bei der Arbeit gibt es keine bestimmten Vorgaben, die ich auch so nicht erfülle. Die Musik steht immer wieder auf der Matte vor der Tür ... und verbleibt dort. Ich lerne und erlebe nichts Neues und stürze mich stattdessen zum Teil übertreibend in Sport und Bewegung als zumindest versuchte Entschuldigung für mein ansonsten sehr gesundheitsschädigenden Verhaltens.

Stoppe ich den Alkohol vollends, dürfte es sich anfangs sehr viel besser anfühlen. Bis dann wieder die Bedenken meiner Fähigkeiten und Zieldefinitionen wegen auftauchen, die zudem mein Selbstbewusstsein zu schmälern versuchen und es meist auch schaffen.

Als würde das nicht reichen, gesellen sich weitere Phänomene hinzu, nach denen ich nicht erklären kann, warum ich mich auf Dauer mit Menschen nicht wohl fühle (selbst im Bluenote bin ich oft einer der ersten, der geht. Um zuhause für sich allein weiter zu trinken), warum ich wie in Bukowskis Texten im Argen oder denen Douglas Adams' im Belustigten die Menschheit für verloren halte - oder mich zumindest mit jenem Teil umgebe, der für mein schönes Leben nicht förderlich erscheint. Letzteres wage ich zu bezweifeln - auch in Dänemark oder Uruguay würde mich mein Ich und damit die gleiche Konstellation sicher wieder einholen. Am Schönsten ist es immer anderswo. Jaja. Ich mag ja nichtmal meinen Geburtstag feiern.

Eine lang dauernde Talsohle. Mittlerweile mit erhöhten Blutdruckwerten.

Tumor &amp; Demenz

"Das Leuchten der Erinnerung" - ein Film aus 2018 mit Donald Sutherland und Helen Mirren, den ich zum zweiten Mal sehe. Bisschen Hollywood, aber schön nachzuerleben. Vielleicht ein bisschen zu schön, denn so cool waren weder wir noch ich. Aber Tumor wie Demenz machen mir Angst, weil ich immer noch glaube, dass mir meine Lebensweise genau sowas bescheren wird.

Alles ertrunken

Immer wenn der Abend länger und die Gläser tiefer werden, überkommt mich die Idee, die alten Tagebücher und "Kreise" aus den Büchern und Zetteln längst vergangener Zeiten hier in die Zehnsucht zu übertragen. Sicherlich hat das dann immer mit meiner Stimmung zu tun, wenn ich noch mehr reflektieren möchte oder muss und sehen will, was mich im Alter von 25++ umgetrieben hat. Um vielleicht etwas mehr von mir zu verstehen. Nächsten Tags und beim Blättern in diesen wilden Haufen ist der Drang nicht mehr ganz so stark, zumal es auch teilweise sehr einfache Beiträge wie "heute gings ganz gut" sind, die offensichtlich nicht viel hergeben.

Aber: Ich stelle dabei fest, dass selbst in diesen frühen Zeiten der Alkohol omnipräsent war. Das Mapplethorpe Tagebuch 1995(!) fängt mit dem 11.01.1995 und den Worten "Übrigens, 1. Tag in 1995 ohne Alkohol." an. Da war ich noch keine 25 Jahre alt. Heute bin ich mehr als doppelt so alt und mich beschleicht ein sehr gruseliges Gefühl darüber, was ich mit hoher Wahrscheinlichkeit in meinem Leben mit dem Kumpeltod Alkohol verdrängt habe, wegen Hangovers garnicht erst nicht anfangen konnte und mir damit im wahrsten Sinne des Wortes alles vorsorglich versoffen habe, was die Entwicklungen meiner Fähigkeiten, Ziele, Ideen und Vorstellungen von einem für mich guten Leben betraf und weiterhin betrifft. Und ein Bukowski, bei dem das alles immerhin passen würde, werde ich sicher nicht. Was muss das alles für eine unglaubliche Unsicherheit, das Leben betreffend, gewesen sein. Ertrunken an und in meiner Angst

Das Ex-Grab von Ex

Auf meinem Wanderweg, der mich auch durch den Westfriedhof führte, gedachte ich, Ex im Schnee zu besuchen. Ich hab ihn nicht mehr gefunden. Die Nummern enden bei 109 und in meiner Erinnerung hatte er die 110. Ein paar neue, durchaus schöne Stellen sind dazu gekommen, an ein paar alte konnte ich mich erinnern. Aber Ex ist nicht mehr da. Vielleicht ist das so vorgesehen gewesen, dass nach einiger Zeit die Stellen geräumt werden und neuen Platz machen. Nun kann ich nur noch in die Erinnerung winken, wenn ich mich durch die Gegend verlaufe.

Das Foto passt ganz gut zu all dem, was mich derzeit umtreibt. Wenige Farben, wunderbarer Winter, leise, verdeckte Sonne und keinerlei Ambitionen zu irgendetwas. Lethargie, die ich nicht dem Winter zuschreiben kann. Diese Lustlosigkeit ergibt sich aus der Dröge meiner Zustände, die nahezu immer vom Wein des Vorabends genährt sind. Wäre schön, wenn das nicht so bliebe, denn das Training des Lebens schafft ja Freiräume für Neues. Im Moment tumbe ich so rum, sehe all die mich umgebenden Dinge samt derer Möglichkeiten für mich - allein mir fehlt die Lust und der Sinn. Der neue Bus steht rum, der Verkauf des alten zieht sich hin und ich bin gut darin, die negativen Gedanken zu bedienen, statt neue zu generieren. Das macht sich auch hier in der Zehnsucht seit längerer Zeit bemerkbar und damit sicher auch keinen Spaß, das alles hernach lesen zu wollen.

Wie schön und wie viel besser wäre es, von Neuem und Interessanten zu lesen, von Entwicklungen und Hilfreichem; die dem Begriff Zehnsucht zugrunde liegende Sehnsucht kann ich ja nichtmal mehr definieren und bis zehn komme ich schon garnicht. Der Wein muss sehr deutlich reduziert werden. Es ist die einzige Möglichkeit, gute Gedanken überhaupt entstehen zu lassen, auch wenn mir meine Erinnerung immer wieder einreden möchte, dass mir (vorher) auch nüchtern nichts sonderlich besser gelungen ist mit Ausnahme der durchaus vielen Dinge, die ich gut kann, die aber womöglich nicht meiner tief innewohnenden Vorstellung über mein Leben und damit mir selbst entsprechen. Stattdessen fürchte ich Krankheiten und Tod. Diese Spirale aufzulösen ist womöglich meine Lebensaufgabe und ich bin mir der Doppeldeutigkeit dieses Begriffes durchaus bewusst.

🔒 Nur für Claude | Zehnsucht seit 1995 | 2010