Zehnsucht

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Resilienztest

Es wackelt in der Nähe der Knie und zittert am Oberkörper, während der Kopf fortwährend die Flucht sucht. Nichtmal die nach vorn, sondern nur weg von hier. Ein sehr starkes Gefühl von Schwäche durchflutet mich und bin mir nicht sicher, in welcher Realität ich mich befinde. Offensichtlich fand hier soetwas wie ein Test statt, den ich erst jetzt aufschreiben kann. Weil es schwer zu begreifen ist und auch jetzt, im fast Nachhinein, immer noch etwas unwirklich erscheint

Mit der Mo fing es am 24. März an, als sie unvermittelt und mit 52 Jahren starb. Und wieder gleiche ich die Alterszahlen in den Todesanzeigen der Zeitung ab und versuche, ein statistisches Mittel zu generieren, das mir offensichtlich Mut machen soll, jetzt noch nicht dran zu sein, obwohl ich nichtmal der große Vertreter inniglicher Lebensfreude bin.

Am Donnerstag, 27. März strich "Sev" Severine - ma très chère Cousine - ihre Segel weiß und entschwand über das große Meer ins Niemandsland. Der Lungenkrebs hat sie kaputt gemacht und nun sitzen der traurige Riese Wuschel und sein 15-jähriger Sohn Jael zwischen den Welten, winken ihr nach und müssen sich vorbereiten auf ein Leben ohne sie.

Und dann versuchte meine Mutter mithilfe MRT Untersuchungen und Neurologen herauszufinden, warum sie seit zwei Wochen ihre Beine nicht mehr anheben kann. Der Neurologe schickte sie am Donnerstag nach der Untersuchung sofort in die Notaufnahme und als ich es von Tobi erfuhr, passierte etwas Merkwürdiges: Ich bekam es mit der Angst. Bisher hatte sich in solchen Situationen immer eine gewisse realistische Einschätzung zur Maßgabe des Gelingens gesellt. Durch die Ereignisse dieses Jahres mit dem Tod von Micha Cohnerts Vater und meiner dadurch erneut initialisierten Sensibilisierung wuchs in mir eine Gewissheit von Endlichkeit, der wir uns nicht auszuweichen in der Lage sehen werden.

So also wusste niemand in der Uniklinik, was eigentlich mit ihr los ist und noch heute versucht man es immer weiter einzukreisen, um es dingfest zu machen. Noch am Donnerstag war überhaupt nicht klar, was ab jetzt werden sollte. Ich bin so wahnsinnig stolz wie froh auf und über Tobi, der hier eine Art Dispatcher-Rolle innehatte. Wir telefonierten viel, auch mit meinem Vater, und am Ende fand ich mich beruhigter im Bluenote und trank mit zittrigen Händen Bier. Den Freitag begann ich mit Flüchen über mich und darüber, dass ich mich insbesondere in einer solchen Situation (vermutlich aus Angst oder Gewohnheit oder beidem) dem postbierlichen Wein zu sehr hingegeben hatte, statt einen klaren Verstand für die Lage zu behalten. Am selben Freitag wurde meiner Mutter ein EEG, eine Lumbalpunktion und abends noch ein MRT zuteil, was laut Tobi eine nahezu unglaubliche Leistung seitens der Klinik war, mir jedoch dabei noch ein bisschen weitere Angst um den unklaren Zustand meiner Mom zuteil werden zu lassen: Wenn man sich dort so viel Mühe gibt, dann scheint man selbst eher ratlos zu sein.

Mittlerweile ist es Dienstag, der 1. April und noch immer haben Cortison und die Untersuchungen noch nicht zur vollständigen Klärung oder Behandlung / Besserung beigetragen. Es geht ihr schon weit besser, aber das Problem ist bisher nur insofern definiert, als dass die neuronalen "Leitungen" nicht genug Saft bis nach unten haben, um den Muskeln Bescheid zu geben, wie sie sich zu bewegen haben. Entzündungen irgendwo im BWS und LWS Bereich machen die notwendigen Kanäle vermutlich noch enger ... und hier beginnt bereits mein Unsachverstand und ich warte auf die Diagnosen und Aussichten, wenn man sie aus der Klinik entlässt, was wahrscheinlich noch in dieser Woche passieren wird.

Zusammenfassend und nahezu im Nachhinein fühlt sich das Ganze wie eine Art Stresstest an, in welchem in mir eine brisante Mischung aus Angst, Erinnerung, Zukunftsvorstellung und versucht zu begreifender Realität alles durcheinander wirbelt, immer begleitet von einem gewissen Ohnmachtsgefühl, einer Angst samt Fluchtgedanken mit einer sich schnell stark machenden Hoffnung, sobald das Schlimmste überstanden scheint.

Zum Glück und zum Tobi bin ich dann am Freitag bei ihm gewesen und habe so heimlich wie deutlich tief in mir gespürt, dass ich ein bisschen ausgeglichener und in einigen Fällen auch realistischer werden muss, wenn es um mein Verhalten auch Tobi gegenüber geht. Ich empfand sehr viel Dankbarkeit und verglich dabei meine oft ungeduldige, unsachliche Art, resultierend aus den nicht realisierten (weil nicht definierten) Wunschvorstellungen von (gemeinsamem) Leben in all den möglichen Facetten. Schon die Wortwahl hier macht es deutlich und der heisse Brei sollte sich entweder abkühlen oder ich sollte nicht so drumherum schleichen.

Im Moment steht hier die Zuversicht im Raum, auch beflügelt von der reduzierten Weinmenge, die eine weitere Menge besseren Befindens und Denkvermögens verursacht hat.

Mo

"Und jetzt bist du - wer weiß wo ... arme Mo." Ein Song von Herman van Veen, der mit Mo - Monika Kempfle, mit Clemens, dem (damaligen) Wetterfrosch vom ZDF verheiratet und seither Nitsche heißend, eigentlich nicht viel zu tun hat. Jedoch immer, wenn mir dieser Song einfiel - und den ich gerade jetzt erst vor Kurzem auf Apple Musik seit langem mal wieder gehört gehört habe - dachte ich an Mo. "Ich will zu meine(r) Mo.", rief Mandy auf der langen Fahrt von den Dolomiten Richtung Regensburg, als ich die richtige Ausfahrt auf der Autobahn verpasste, Mandy auf dem Beifahrersitz unseres Munkhtenger VW T3 erwachte und wir feststellten, dass wir einem großen Umweg entgegen sehen würden.

Mo und Mandy lernten sich im Jugendhaus der Caritas in der Blindengasse im 14. Bezirk Wiens kennen. Das war 1995. Und ich lernte sie kurz darauf auch kennen. Wir waren damals in Regensburg, wo sie eine Wohnung hatte; später dann in München auf einem Maceo Parker Konzert (wo ich auch Clemens kurz kennenlernte) und noch ein bisschen später übernachteten wir auf unserer Reise in die Toscana bei ihr (Foto). Mo hatte damals eine Leukämie - einen miserablen Blut-Krebs - überstanden und man erklärte sie nach sieben Jahren ohne weitere Positiv-Befunde für geheilt.

Sie war auch bei uns in Magdeburg so um das Jahr 2000+ mit Schießl (Andreas), der gerne mit ihr was angefangen hätte. Sie schliefen in der OvG unten auf der Straße in seinem Bus und der Schießl meinte später, sie wäre zu verkopft für eine Beziehung. Stattdessen kehrte er halt einige Jahre später (2012?) auf einen Versuch bei Mandy ein, als wir uns längst getrennt hatten. Woraus dann aber auch nichts wurde.

Dann wurde es lange still um uns und erst in der Freiwilligenagentur mit Birgit Bursee gab es neue Verknüpfungen, weil Mo bei der FWA Tatendrang in München arbeitete. Ein bisschen später (2011) fing sie beim Paritätischen Bayern an und als ich 2019 zum Paritätischen stoß, hatten wir erstmals wieder direkten Kontakt.

Ich dachte immer wieder daran, dass ich Mo und Mandy irgendwann mal, vielleicht in Mannhausen, zusammenbringe nach den vielen Jahren und habe es Mandy gegenüber immer verheimlicht, weil ich sie damit überraschen wollte. Weil sie sich do so mochten. Meiner Einzug gehaltenen Stumpfheit und auch dem nachlassenden Kontakt zu Mandy geschuldet, hat sich das nicht ergeben. Wird es auch nicht mehr, denn am Montag (24.03.2025) ist Mo gestorben. Heute vormittag in der Videokonferenz mit dem Arbeitskreis Öffentlichkeitsarbeit der Bundesländer wurde das aus München kurz erwähnt und ich wurde jäh aus meinem Hangover hochgeschreckt und wusste sofort, um wen es ging. Ich rief in der Pause dort an und Gabriele Dorby erzählte mir, das Mo im Urlaub in Südtirol war, sie da auch noch telefonierten; Mo zurück kam und dann eine Lungenentzündung bekam. Offensichtlich war die so heftig, dass sie aufs Herz ging, so dass man Mo mit einem Herzkatheder untersuchte. Genau bei dieser Prozedur verstarb sie plötzlich.

(Gabriele macht sich derweil Gedanken darüber, dass wir in unserem Alter (Mo war 52) aufgrund unserer damaligen Lebensbedingungen, der Umwelt, unserer sorglosen Nahrung und sowas wie Tschernobyl jetzt plötzlich in größerem Ausmaß in diesem Alter daran versterben. Naja. Ok.)

Nun ist Mo gestorben. Wir hatten nicht so sehr viel miteinander erlebt; jedoch reicht das Wenige an eine sehr schöne Erinnerung an sie und an uns und unsere Wege. Und es ficht es mich an, denn ich habe seit einigen Wochen schwere Nöte bei meinen Gedanken über den Tod. Über meinen, den meiner Eltern, denen meines Umfeldes.

Am Schrank ihrer Küche damals (am 23.09.2000 um 00:51 Uhr) hing eine Aufkleber mit zwei sich vor Lachen krümmenden Mikrowellen, bei der die eine fragte: "Warum zwei Mikrowellen?" und die andere antwortete: "Zum Überspielen." Mein Humor. 25 Jahre seitdem. Und nun ist es aus. Arme Mo.

Leolo Lozone

Einer der vielen Filme im Exlibris bei den "Mad Movies" - einer von Köhli installierten Filmreihe - hieß "Leolo". Das war ungefähr 1994/95 und ich war damit im besten Alter, dieses mein Leben in Frage zu stellen. Blöderweise habe ich bis heute nicht damit aufgehört. Und deshalb habe ich mir diesen Film als VHS-Kopie per mp4 im Download heute nochmal angesehen. Zwei Sätze daraus habe ich mir interessanterweise bis heute gemerkt:

"An diesem Tag habe ich gelernt, dass die Angst ganz tief in uns steckt. Und daran kann auch ein ganzer Berg von Muskeln oder eine Million Soldaten nichts ändern." sowie "Und wie immer sah ich mir selbst zu, wie ich Leben spielte." Jetzt weiß ich auch, warum ich diese Zitate in einem solch bizarren Film bis heute nicht vergessen habe: Weil sie meine Basis zu sein scheinen und damit immer noch Bestand haben. Liest sich allerdings mittlerweile leider wie ein aufgeklebter Spruch an der Wand. 25 versus 55 Jahre. Ich frage mit 85 nochmal nach. Falls das geht.

Was fällt dir ein?

Nichts. Mir fällt nichts mehr ein. Mir fällt aber auf, dass mir nichts mehr einfällt. Ich wollte schon Listen machen mit den Dingen, die ich gerne gemacht hätte, würde ich noch gesund sein oder müsste nicht bald sterben. (Nein, noch ist dem nicht so; nur die Gedanken daran werden irgendwie plausibler) Doch auch da hakt es. Aber warum? Stattdessen ist nun auch der Montag Morgen bereits nachbeweissweint und ich fasse es nicht, wie ich nach einem ewigen Bier und einem langen Glas Wein plötzlich immer so an Fahrt aufnehme. Goo. Wie am Freitag nach dem Symphoniekonzert und einem anschließenden GinTonic, der bis Mitternacht reichte, um mir dann aber noch einen ganzen Liter Weisswein zu vermachen, als Tobi längst im Bett war. Das ist Hochleistungssport. Und tötet ob seiner Permanenz wahrscheinlich so viele Gehirnzellen, dass mir daraufhin und dazu nichts mehr einfällt. Musik, Foto, Menschen, Reisen, Auf- & Umräumen, Erneuern, Trennen & Lösen, Natur, Ferne, schöne Gedanken, Tränen der Freude ... aufzählen gelingt mir noch, aber mir fällt dazu nichts ein. Draussen schreit der Frühling und drinnen bleibt es kühl.

Geburtstagsstatistik

Fünfundfünfzig. Die fetten Partys sind vorbei. Wir haben uns mit Sarah und Stef heute im Bluenote erinnert, wie das bei meinem Vierzigsten in 2010 war: Ebenfalls im Bluenote hatte ich damals (wahrscheinlich mit Jörg und Ronald) ein kleines Jeskomclub-Konzert gespielt. Fünfzehn Jahre ist das her. Also 2010. Und es waren so viele Leute da. Neben meinen Eltern auch Ines, Helge und Biene, Marek und eine große Menge von Leuten, die ich heute noch zu meinem Bekannten- und Freundeskreis zählen darf. Sehr viel über diesen Abend habe ich offensichtlich in der Zehnsucht nicht geschrieben. Hier und hier vielleicht ein bisschen. Und wir haben uns heute an so viel mehr erinnert, als hier aufgeschrieben wurde. Eine Gelegenheit, es jetzt aus der Erinnerung nachzuholen:

Im Bluenote ein Kontingent von 1000 Euro mit Wuschel und Katrin festgemacht und es nachträglich erhöht, weil so viel Leute auftauchten - auch die, die nicht mit meinem Geburtstag zu tun hatten. Egal. Das dicke C war auch da (der hier noch eine weitere Rolle spielen wird) und der in der Freundin meiner Cousine Ines seine Cousine wiedererkannte. Dann meine Geschenke-Idee: dass mir all meine Gäste keine Geschenke, sondern Ideen für mein Weiterleben mitbringen sollten. Da waren Gudio Käpernik und Janet, die mir 40 chinesische Glückskekse brachten; Kubon und Christina, die mir jeweils eine CD mit 40 Songs zusammenstellten, von denen sie dachten, dass sie auf mich passen könnten (und das taten sie); Tom Michme und Zwiebel, die mir eine 40-Minuten-CD-Produktion im Heartdisco Studio schenkten; Gören, der mir 40 CD-Rohlinge für meine zukünftigen musikalischen Ideen mitbrachte; Ines, die mir Carnegies "Sorge dich nicht, lebe" anheim legen wollte oder Helge und Biene, die mir eine Pinnwand mit 40 wahrscheinlich guten Gedanken präsentierten ... von derlei Geschenk-Ideen gab es bestimmt noch weitere, an die ich mich im Moment nicht erinnern kann.

Es war ein großer Abend und ich ging mit meiner frischen Nikon umher und bat alle Leute im Selfie mit mir, so böse wie möglich dreinzuschauen. Zwiebel hatte es ziemlich gut drauf gehabt und ich erinnere mich, wie ich heimlich dachte, dass ich mich in ihn verlieben könne, wenn er nur den Spirit von Ronald hätte. Au warte, was für eine Melange damals.

Der Abend ging also irgendwann im Bluenote zu Ende und die Party lebte erneut auf, als wir bei mir zuhause waren. Dabei waren in meiner Erinnerung Ines (mit der ich am Vorabend den großen Topf Chili con Carne gekocht und zu ihrer Erheiterung Kaffeepulver hineingestreut hatte - und ich ein Foto von mir um Null Uhr machte, als sie zu Bett gegangen war), Marek, das dicke C., Sarah, Norbert (der Bruder von Stef) ... und vielleicht noch einzwei anderen, an die ich mich im Moment nicht erinnere.

Norbert hatte dann im morgendlichen Sonnenlicht mit Sarah in meinem Wohnzimmer getanzt und ich malte mir in diesem Moment aus, dass er es gern mit ihr aufnehmen bzw. sie irgendwohin mitnehmen wollte. Egal. Der Tag begann in heller Sonne, ich riss das Fenster auf und rief irgendetwas Glückliches in die Luft, Ines war bereits im Bett, Marek ging dann auch und am Ende blieben nur noch das dicke C. und ich übrig. Was sich in den letzten Stunden angebahnt hatte, wurde nun konkret: Er zog mich aus, legte mich auf mich Couch und fing an, mir den Hintern (ui, das ist oll, aber war so:) Hintern zu lecken. Sagt man das so? Jedenfalls dachte ich daran, dass diese Idee nach all den Stunden diese langen Tages womöglich nicht sonderlich ästhetisch oder schmackhaft sein könnte; ließ es aber geschehen. Dann fanden sich seine Finger in mir und ich musste in meinem Werden über die schwule Liebe samt deren Sex erneut feststellen, dass es womöglich cool, aber nicht das Richtige ist. Nunja, er schlief mittendrin neben mir ein und ich gedachte mir aus aus diesem gemeinsamen Bild zumindest noch einen Orgasmus zu verschaffen. Es kam dann auch so (sic!) - aber es war womöglich auch der sehr langen Nacht geschuldet, dass ich es zwar als endlich richtig schwules sexuelles Erlebnis "geil" fand, letztlich aber erneut feststellte, dass es nicht reicht.

Am - wahrscheinlich frühen Nachmittag - standen wir alle da, frühstückten; Carsten (das dicke C) hielt mir grinsend meinen am Boden liegenden grauen Slip am Mittelfinger entgegen (und das gefiel mir in der Vorstellung all dessen und mehr davon sehr) und der große, lange Tag mitsamt all der Erinnerungen des Abends mit den 80 Leuten im Bluenote und der anschließenden Nacht schlich sich davon. Wie schön, dass wir uns heute nochmal daran erinnert haben und ich das hier nachtragen konnte.

Heute also zum Fünfundfünfzigsten gab es keine Party. Zumindest keine besondere. Als ich Fünfzig wurde, kam Corona / Covid19 fast auf den Tag genau ins System und verhinderte alle Pläne (die auch so nicht sonderlich von Party-Ideen ausgeprägt waren). Und so blieb es. Bis heute. Genau wie mit meiner Musik und Jeskom oder überhaupt irgendwelchen Anstrengungen. Ich hab mich durchgesoffen und dabei erstaunlich gut erhalten in Job und Zeit und Geld und dem ganzen Quatsch.

Statistik 2025 mit also 55 Jahren: Es ist gemein, das hier aufzulisten, denn auch ich bedenke sehr oft nicht mehr anderer Leute Geburtstage. Freunde kommen, Freunde gehen; zumindest werden die wenigsten zu Fremdem. Die Verhältnisse ändern sich, die Konstellationen verschieben sich. Wir haben weniger gemeinsam, weil wir keine gemeinsamen Ziele mehr haben. Zumindest nicht mehr solche, die uns zusammenraufen und etwas Neues entstehen lassen.

Derweil klauben wir uns aus alten verblichenen Kalendern die Geburtstagsdaten ehemaliger oder noch bestehender Gesinnungsgenossen und vermelden Glück, Gesundheit und Weltfrieden und "man müsste mal wieder...", die gerne auch bei Entschuldigungen über das verpasste Datum herhalten.

Geburtstagsstatistik also? Bitteschön (in irgendwelcher Reihenfolge):

Wie ich sehe, bin ich unvergessen. Naja, vielleicht ist das auch ein bisschen hanebüchen. Aber vielleicht kommen ja zwei Drittel davon zu meiner Beerdigung, wenn es jetzt soweit sein sollte.

spring, deejay, spring!

Resümees an Geburts- oder anderen speziellen Tagen haben oft etwas Zwanghaftes. Sei's drum; die letzten Abende gereichten mir nicht zum Aufrappeln, um mich oder mein Universum zu erklären. Was wiederum damit zusammenhängt, dass es meist dieselbe Beschreibung ist und offensichtlich bleibt.

Was bisher geschah: Ich befinde mich plötzlich im Bluthochdruck. Das merke ich abends und beim Schlafen. Die üblichen Werte schnellen plötzlich hoch und landen nicht selten bei 160:90+. Das ist sehr verwunderlich, dafür aber auch sehr gefährlich und gab es so noch nie - eher im Gegenteil. Ich habe meinen T4 endlich und mit neuem TÜV und bisschen Nachjustieren für 12,5k an eine quasi Nachbarin verkaufen können, die ich bisher garnicht kannte, obwohl wir ein relativ gemeinsames Umfeld haben. Nun hoffe ich, der Bus bleibt ihr gewogen. So. Okay.

Severin hat Lungenkrebs und es scheint nichst mehr zu machen zu sein. Und Sarah und ich wissen nicht, ob wir hinfahren sollten zu Wusch in den Wald. Wie verhält man sich in solchen miesen Situationen? Nachher ist immer alles zu spät. Das Grab von Ex ist wieder aufgetaucht; es hielt Winterschlaf im Schnee.

Ich versuche eine Eigentherapie, bei welcher das Bluenote nur noch 2 mal die Woche erlaubt ist und ansonsten nur eine Flasche Bier und "keine" ganze Flasche leichten Weines erlaubt sind. Meine Güte, ist das peinlich, sich so mengengerecht zügeln zu müssen. Das Bier davor bleibt jetzt auch weg. Jaja, alles klar. Und Unsinn. Vielleicht ist mein manchmal etwas überboardender Sport auch ein bisschen verantwortlich (siehe flow.polar.com), wenn er dem Alkoholmißbrauch als Gegenpol dienen soll und damit das zweite Extrem bildet. Da nutzt sich bestimmt viel ab. Weiterhin habe ich zumindest zum ungefähr viertausendsten Mal festgestellt, dass es sich dennoch besser anfühlt, klar im Kopf am Morgen und erschöpft im Körper nach dem Training zu sein - wenn auch von da aus weiterhin ratlos zu bleiben. Aber es fühlt sich besser an. Immerhin.

Genau jetzt (10:01 Uhr) findet die Tages- und Nachtgleiche statt, der Frühling beginnt, es wird sehr sonnig(!) und warm heute und wir sehen mal zu, ob ich the Land, the Sea and the Air (siehe Bild) so erleben und in mich aufzusaugen in der Lage bin, dass ich es unkommentiert auf meinem Weg der schönen Gedanken und Taten mitnehmen kann. Spring nicht, Deejay, spring nicht!

Artautismus und das Alter

Was in Kindheit und Jugend unter dieser oder anverwandter Diagnose des ADHS zu wildem, ungezogenem, künstlerisch tangiertem Gebaren führte, scheint sich mit den Jahren entweder zu beruhigen oder irgendwie zurückzuziehen. Eine Hypothese könnte sein, dass es tatsächlich vorbei und die Kraft der Störung verballert ist, so dass ich mich nun ohne anerlernte Orientierung irgendwie mit dem Leben arrangiert habe, dabei aber so viel wie möglich betäubende Mengen weißen Weines zu mir nehme, um keine möglicherweise schlafenden Riesen zu wecken.

Das bringt mich zielgerade zur zweiten Hypothese: Das wilde Feuer der Äußerlichkeiten hat sich altersbedingt zur Sparflamme entwickelt, so dass die Monster sich nun weiterhin, aber nur noch in meinem Kopf versammeln, um dort Unheil anzurichten. Das schaffen sie durch permanente Reflektion und jedes einzelne Monster hat eine Idee beizusteuern. Psychoterror statt künstlerischer Weitsprung.

Ich fühle zuweilen eine unbestimmte, aber deutliche Hilflosigkeit den Belangen des Lebens gegenüber. Selbst kleine Vorhaben scheinen leicht zu scheitern; mittelfristigen Terminen sehe ich unbestimmt entgegen und im Großen Ganzen scheine ich nichts mehr auf die Reihe bekommen zu können, zu wollen.

Bei der Arbeit gibt es keine bestimmten Vorgaben, die ich auch so nicht erfülle. Die Musik steht immer wieder auf der Matte vor der Tür ... und verbleibt dort. Ich lerne und erlebe nichts Neues und stürze mich stattdessen zum Teil übertreibend in Sport und Bewegung als zumindest versuchte Entschuldigung für mein ansonsten sehr gesundheitsschädigenden Verhaltens.

Stoppe ich den Alkohol vollends, dürfte es sich anfangs sehr viel besser anfühlen. Bis dann wieder die Bedenken meiner Fähigkeiten und Zieldefinitionen wegen auftauchen, die zudem mein Selbstbewusstsein zu schmälern versuchen und es meist auch schaffen.

Als würde das nicht reichen, gesellen sich weitere Phänomene hinzu, nach denen ich nicht erklären kann, warum ich mich auf Dauer mit Menschen nicht wohl fühle (selbst im Bluenote bin ich oft einer der ersten, der geht. Um zuhause für sich allein weiter zu trinken), warum ich wie in Bukowskis Texten im Argen oder denen Douglas Adams' im Belustigten die Menschheit für verloren halte - oder mich zumindest mit jenem Teil umgebe, der für mein schönes Leben nicht förderlich erscheint. Letzteres wage ich zu bezweifeln - auch in Dänemark oder Uruguay würde mich mein Ich und damit die gleiche Konstellation sicher wieder einholen. Am Schönsten ist es immer anderswo. Jaja. Ich mag ja nichtmal meinen Geburtstag feiern.

Eine lang dauernde Talsohle. Mittlerweile mit erhöhten Blutdruckwerten.

Tumor & Demenz

"Das Leuchten der Erinnerung" - ein Film aus 2018 mit Donald Sutherland und Helen Mirren, den ich zum zweiten Mal sehe. Bisschen Hollywood, aber schön nachzuerleben. Vielleicht ein bisschen zu schön, denn so cool waren weder wir noch ich. Aber Tumor wie Demenz machen mir Angst, weil ich immer noch glaube, dass mir meine Lebensweise genau sowas bescheren wird.

Alles ertrunken

Immer wenn der Abend länger und die Gläser tiefer werden, überkommt mich die Idee, die alten Tagebücher und "Kreise" aus den Büchern und Zetteln längst vergangener Zeiten hier in die Zehnsucht zu übertragen. Sicherlich hat das dann immer mit meiner Stimmung zu tun, wenn ich noch mehr reflektieren möchte oder muss und sehen will, was mich im Alter von 25++ umgetrieben hat. Um vielleicht etwas mehr von mir zu verstehen. Nächsten Tags und beim Blättern in diesen wilden Haufen ist der Drang nicht mehr ganz so stark, zumal es auch teilweise sehr einfache Beiträge wie "heute gings ganz gut" sind, die offensichtlich nicht viel hergeben.

Aber: Ich stelle dabei fest, dass selbst in diesen frühen Zeiten der Alkohol omnipräsent war. Das Mapplethorpe Tagebuch 1995(!) fängt mit dem 11.01.1995 und den Worten "Übrigens, 1. Tag in 1995 ohne Alkohol." an. Da war ich noch keine 25 Jahre alt. Heute bin ich mehr als doppelt so alt und mich beschleicht ein sehr gruseliges Gefühl darüber, was ich mit hoher Wahrscheinlichkeit in meinem Leben mit dem Kumpeltod Alkohol verdrängt habe, wegen Hangovers garnicht erst nicht anfangen konnte und mir damit im wahrsten Sinne des Wortes alles vorsorglich versoffen habe, was die Entwicklungen meiner Fähigkeiten, Ziele, Ideen und Vorstellungen von einem für mich guten Leben betraf und weiterhin betrifft. Und ein Bukowski, bei dem das alles immerhin passen würde, werde ich sicher nicht. Was muss das alles für eine unglaubliche Unsicherheit, das Leben betreffend, gewesen sein. Ertrunken an und in meiner Angst

Das Ex-Grab von Ex

Auf meinem Wanderweg, der mich auch durch den Westfriedhof führte, gedachte ich, Ex im Schnee zu besuchen. Ich hab ihn nicht mehr gefunden. Die Nummern enden bei 109 und in meiner Erinnerung hatte er die 110. Ein paar neue, durchaus schöne Stellen sind dazu gekommen, an ein paar alte konnte ich mich erinnern. Aber Ex ist nicht mehr da. Vielleicht ist das so vorgesehen gewesen, dass nach einiger Zeit die Stellen geräumt werden und neuen Platz machen. Nun kann ich nur noch in die Erinnerung winken, wenn ich mich durch die Gegend verlaufe.

Das Foto passt ganz gut zu all dem, was mich derzeit umtreibt. Wenige Farben, wunderbarer Winter, leise, verdeckte Sonne und keinerlei Ambitionen zu irgendetwas. Lethargie, die ich nicht dem Winter zuschreiben kann. Diese Lustlosigkeit ergibt sich aus der Dröge meiner Zustände, die nahezu immer vom Wein des Vorabends genährt sind. Wäre schön, wenn das nicht so bliebe, denn das Training des Lebens schafft ja Freiräume für Neues. Im Moment tumbe ich so rum, sehe all die mich umgebenden Dinge samt derer Möglichkeiten für mich - allein mir fehlt die Lust und der Sinn. Der neue Bus steht rum, der Verkauf des alten zieht sich hin und ich bin gut darin, die negativen Gedanken zu bedienen, statt neue zu generieren. Das macht sich auch hier in der Zehnsucht seit längerer Zeit bemerkbar und damit sicher auch keinen Spaß, das alles hernach lesen zu wollen.

Wie schön und wie viel besser wäre es, von Neuem und Interessanten zu lesen, von Entwicklungen und Hilfreichem; die dem Begriff Zehnsucht zugrunde liegende Sehnsucht kann ich ja nichtmal mehr definieren und bis zehn komme ich schon garnicht. Der Wein muss sehr deutlich reduziert werden. Es ist die einzige Möglichkeit, gute Gedanken überhaupt entstehen zu lassen, auch wenn mir meine Erinnerung immer wieder einreden möchte, dass mir (vorher) auch nüchtern nichts sonderlich besser gelungen ist mit Ausnahme der durchaus vielen Dinge, die ich gut kann, die aber womöglich nicht meiner tief innewohnenden Vorstellung über mein Leben und damit mir selbst entsprechen. Stattdessen fürchte ich Krankheiten und Tod. Diese Spirale aufzulösen ist womöglich meine Lebensaufgabe und ich bin mir der Doppeldeutigkeit dieses Begriffes durchaus bewusst.

Zum grössten Teile

Mein Leben ist zum größten Teile Wein und Bier und Langeweile. Manchmal kommt auch Angst dazu; eine, die mich die Hände nach mütterlicher Art über'm Kopf zusammenschlagend fragen lässt: "was soll nur werden?". Das sitzt tief und fühlt sich sehr verloren an. Könnte eine Form unbestimmter Depression mit überbordender Reflektion sein. Selbst einen Bus zu verkaufen, verlangt mir alles ab. Draussen schneit sich der Sonntag mittels einer deutschlandweit einzigartigen Wolke direkt über Magdeburg zu und lässt arge Kälte in der Nacht erwarten.

Wein-Michas Vater ist also gestorben und ich werde von ihm als bester Freund bezeichnet, wenn auch zum Glück nicht belangt. Das mache ich jedoch von selbst und finde hilfreiche Worte für ihn im Chat, weil ich wissen möchte, wie sich das anfühlt und was dann auf mich zu kommen könnte. Schrecklich allemal. Aber ich bin auch nicht sein bester Freund. Kann ich ihm jetzt aber nicht sagen. Was ich sagen und beschreiben wollte, ist diese manchmal so entsetzliche Leere zwischen Müdigkeit, Aussichtslosigkeit (auch der Politik & Gesellschaft gegenüber), stundenlang sinnlosem Zappen auf Facebook und Instagram und keinem Blick in eine sinnreiche Zukunft. Stattdessen entweder Wein bis zum betäubten oder ohne Wein zum schlecht Schlaf. NYC, Miami, Italien ... alles bewerte ich mit normal und einfach beschreibenden, fast belanglosen Worten. Besonders scheint hier garnichts mehr.

Und weiterhin schwimmen im Fluss des Irgendwas die beliebigen Gitarren, meine Texte, die Drohne, die Kameras, Busse, Wohnungen, Wege, Kinos, Bands ... denen ich, wenn überhaupt, mit leichtem Nicken begegne. So wie alte Bekannte, die sich lange nicht gesehen haben.

Quo Pari

Ob es förderlich für mich wäre, wenn es in Sachen Freiraum, Anerkennung und weicher Bettstatt immer so weiter gehen würde und ich, wie Mittel es einst beschrieb, "weich gelandet" bliebe, wäre abzuwarten. Immerhin betreibe ich zum Teil schlimmstes Schindluder mit mir und die abgelieferte Qualität meiner Arbeit ist teilweise abstrus schlecht. So etwas in der Art hatte mir Ulrike Theissen auch schon von sich berichtet und es gab mir zu denken. Mittlerweile hat sie sich arrangiert und auf ein besinnlich-erträgliches Alkoholmaß festgelegt.

Quo Pari heisst es deshalb, weil ich mir Gedanken muss, wie es wohl weiter geht. Das hat weniger mit mir als mit dem Zustand des Landesverbandes mit seiner Tochter, der PSW, zu tun. Deren Geschäftsführer Andrik Krüger fällt kaputt für länger aus und wurde bereits und vorsichtshalber seines Amtes enthoben , damit das Tagesgeschäft weitergehen kann. Antje und Marcel übernehmen interims in diesem Jahr, haben somit weit weniger Zeit für Forderungen nach inhaltlicher Arbeit im Landesverband und können nunmehr nur mit reinem Vertrauen und Hoffnung in uns alle arbeiten und leben.

Und dann sind da noch vermehrt auftretende AfD Anfragen, die mir zudem Sorgen bereiten, die längerfristig durchaus mit der Auflösung. Nach der Bundestagswahl 2025 in zwei Wochen (oder spätestens in 4 Jahren) kann sich möglicherweise das politische, gesellschaftliche und damit für Viele wohl auch persönliche Blatt in Deutschland scharf gewendet haben. Dann könnten Konsequenzen ungeahnten Ausmaßes auf uns einprasseln, die starke Veränderungen nach sich ziehen.

Neben den Sorgen um unser Land selbst sind da auch persönliche Sorgen um meine Arbeitsfähigkeit im Falle einer notwendigen Umdisponierung, wenn die politischen Bedingungen meinen Job womöglich ad acta legen. Liest sich sicher merkwürdig, aber ich hatte es gerade erst heute (sehr) früh in Erinnerung, wie ich damals 05:55 Uhr aufstehen, nach Barleben fahren und pünktlich um Sieben in der Werkshalle für 8,75 Stunden arbeiten musste und ich mir vorstellte, dass das niemals meine Zukunft sein kann. Irgendwas mit Büro wäre schön. Nun - viele Jahre später - ist es so etwas in der Art und weit über meine damaligen Vorstellungen darüber sogar zum Luxus geworden. Ich bin wirtschaftlich mit 3.000 EUR netto (2025) gut aufgestellt, habe eine Arbeit, in welcher ich nahezu agieren kann, wie ich möchte; jedoch die Dynamik der Entwicklungen tut nun wiederum ihr Übriges, das Konstrukt möglicherweise in Frage zu stellen und mich meinen Status Quo erneut mischen lassen zu müssen.

Allerdings bin ich nun von 16 auf 55 Lebensjahre gekommen. Ich darf behaupten, dass sich alles gebessert hat. Vom Wesen her bin ich derselbe geblieben, vom Begreifen oder der Akzeptanz des Lebens bleibe ich weiterhin entfernt genug, um cool zu tun und dennoch große Angst vor entscheidenden Einschnitten und Veränderungen zu haben. Das betrifft alles: Gesundheit, Tod, Krieg, Musik.

Des Säufers eigener Hurenbock

Nach einer Woche Schneeurlaub in italienischen Höhen ohne sexuelle Höhepunkte hat sich wahrscheinlich etwas angestaut, was es nun umso wertvoller und wichtiger und besonders erscheinen lässt, mich zum Höhepunkt zu treiben, um ihn mir dann doch aufzusparen. Was ziemlicher Unsinn ist, vor allem, wenn ich bedenke, nach einem Bluenote kurz vor 11 das Ganze bis nach 4 Uhr morgens bei einer Flasche Rotwein und vielen Zigaretten betrieben zu haben.

Die Vorstellungen dabei sind allesamt waghalsig und die Vernunft siegt am Ende so gut wie immer. Denn nichts ist Schlimmer, als auf dem Zahnarztstuhl sitzend zu wissen, dass wir es eben noch getrieben haben; oder dass am Barleber so plötzlich wie peinlich ein bekanntes Gesicht auftaucht. Allein der Trieb ist gewaltig und schön und die sich anbahnenden Höhepunkte gekonnt zu verhindern ist eine ebenso große Lust. Aber irgendwann wird es obsessiv und nähert sich einer Art Zwang.

Das alles ist nichts Neues und lässt sich bin die Kindheitstage zurückverfolgen (und wahrscheinlich hier auch finden #kienwerder #kindergarten #hort) und auch meine Erinnerungen an den Hörsinger Wald, den GayShop in Buckau oder die Harzhütte sprechen sehr für meine Gier nach Sex mit mir selbst, allerdings in der Vorstellung mit anderen. Auch jetzt läuft parallel Grinder mit, nur um zu sehen, wie sich Lust entwickelt, um am Ende ja dann doch ängstlich den Schwanz in die eigene Hand einziehen zu lassen.

der taube tod

der taube tod, des trinkers leid,
kein abendrot, kein abendkleid,
die schwere last vom schweren wein,
und überall im all allein.

die große angst, das ferne weh,
im meer, im berg, im wald, auf see
zum schluss ein komma falsch gesetzt,
schön war es nicht, auch nicht zuletzt.

Ich konnte nichtmal laufen und musste auf Gehen umschalten. Der Wein beim Micha ließ uns sehr betrunken werden und weinen und hoffen, dass sein 87-jähriger Vater wieder auf die ... kam er nicht: sechs Stunden später war er tot. Erstaunlicherweise schaffte ich es noch in die Wanne und schnitt mir anschließend sogar Füße wie Hände. Alles noch dran. Der Morgen unerinnert verblasst mit Ausnahme sehr intensiven Sexes. Und dann den Laufversuchen. Keine Chance für letztere. Schnell noch halb Vier ins Büro gefahren. Spätschicht mit gezeigt gutem Willen. Und nun ist's mir wieder üblig. Weil etwas in mir zu Recht Angst vor der ersten Zigarette hat.

Der zornige alte Mann

Erstmal seit Rückkehr aus Amerika am Abend mal nicht gesoffen wie ein Loch, sondern es bei etwas Gin-Tonic belassen. Die Nacht in Reform war sehr dunkel und schwer; wahrscheinlich die üblichen Entgiftungserscheinungen. Am Morgen mürbe und müde und ich merke schon, wie leicht es mir fällt, mich über Dinge zu beschweren, von denen ich mir einige grundsätzlich auch anders vorgestellt hatte: Das gemeinsame langsame Aufwachen (jetzt kommen die üblichen Quengeleien über fehlende Romantik und Liebe und Sinn für's Schöne) ... und dass mir auch keine sonderlich schönen Worte zum Frühstück oder Abschied am Gesellschaftshaus einfallen (in welchem heute Kinder-Anästhesie Tag ist).

Die Müdigkeit ist der Auslöser und bleibt beständig bis zum Einkaufen in zwei Märkten, bei dem ich deutlich in Mimik und Gestik nach außen hin verkünde, dass ich kein Paniermehl finde und ihr allesamt daran schuld seid. Das ist interessant und sehr typisch für mich (und meine Mama). Statt es zu logisch zu lösen oder wenigstens sein zu lassen, gibt es einen theatralischen Aufzug sondergleichen. Beim Versuch, mich dabei von außen zu betrachten, wird mir peinlich ums Gemüt. Ein zorniger, ältlicher junger Mann, der sich wie ein Derwisch gebärdet und windet und Tänze aufführt, vornehmlich mit dem Gesicht und abwinkenden Armen sowie deutlichem Seufzen. Gegenüber den helfenden Angestellten betont lustig und sich dumm stellend, dabei ahnend, dass hier bereits ein Teil der Wahrheit im Spiel ist.

Das ist wirklich ziemlich schlimm und der zornige alte Mann ist nicht zu besänftigen, weil er entweder zu müde oder zu verkatert oder allgemein und besonders unzufrieden mit sich selbst ist. Und das auch aller Voraussicht bleibt, wenn sich an seinmeinem Schlaf- wie Trinkverhalten und - noch einen Schritt zurück - an den Ursachen dafür nichts ändert.

Wie geht totsaufen?

Aufgrund der aktuellen Lage mitsamt einhergehender Befindlichkeiten stelle ich mir weiterhin die Frage, wie das mit dem "sich zu Tode saufen" eigentlich funktioniert. Allgemein denke ich an Leberprobleme samt Hepatitis oder Pankreas, Speiseröhre und dergleichen; jedoch lassen meine Befunde sowohl bei Heide wie auch Weimann keinerlei Rückschlüsse in dieser Richtung zu. Aber meine Perma-Hangovers fühlen sich an wie irgendein Ende und ich muss sehr aufpassen, mich dem Gefühl nicht hinzugeben, da ich sonst zumindest einen Herz- oder Hirnanfall erleide oder wenigstens in eine Bewußtlosigkeit falle.

Wie also stirbt man insgesamt nach soviel Alkohol? Große Mengen schnell getrunken können Atemdepression oder Arrhythmien verursachen. Aber das ist es ja nicht. So wie ich hier in meinem Büro sitze und darüber zu schreiben versuche und die Melange aus leichter Übelkeit, unsicheren Bewegungs- und Denkmustern, einer latenten Seufz-Schwere im Brustbereich und einem zerknitterten Gesicht deutlich spüren kann, würde ich eine 10%-ige Steigerung dieses Zustandes wahrscheinlich nicht ertragen. Aber was ist ein Mensch zu ertragen imstande? Wo ist die Grenze? Ich möchte es vorsichtshalber nicht ausprobieren und entsinne mich einer sehr alten Liedzeile des von Pentangles wiederentdeckten "I once loved a lass", in der es heisst: "And I lay me down to take a long sleep", was in einem zwar völlig anderen Zusammenhang steht, mir aber und wieder klar macht, dass ich gern eine heilende Ganz-Aus-Zeit haben möchte. So wie die Reha in Brandis, nur anders. In einer gänzlich anderen Umgebung mit anderen oder keinen Menschen, in der ich entgiftet, getröstet, beruhigt und ausgeruht aufgebaut werden kann, damit ich voller Neugier und Freude all das wieder entdecken kann, was mir über die immer kürzer werdenden langen Jahre verloren gegangen zu sein scheint.

Aus dem Tagebuch eines Trinkers

Gab's schonmal, oder? Ich beisse weiterhin an meinen Zähnen herum, bin schon wieder beim Ende der zweiten Flasche Weißwein, kann mich weder konzentrieren noch irgendeinen klugen Gedanken fassen. Im Tagebuch eines Trinkers sehe ich von mir gezeichnete Haken von damals. Wahrscheinlich hatte mir das für meine Beschreibung meines Zustandes zugesagt. Leider habe ich den Untertitel übersehen: "Das letzte Jahr". In dieser Fiktion hat er sich am Ende vergiftet, weil Alkohol allein nicht mehr geholfen hatte.

Dennoch lese ich darin von Überlegungen über Quantenphysik und Mathematik und Bach und Geschichte ... die ich allesamt gern als intelligenter Trinker, der am System scheitert, gewissermaßen als meinen Hintergrund verzeichnen würde; aber es stimmt nicht. Ich bin doofer als gedacht. Oder bin zumindest nur mit derlei Wissens-Themen tangiert oder gestreift worden. Am Ende weiss und kann ich garnicht so viel über das Leben, das Universum und den ganzen Rest berichten. Hätte ich womöglich gern gehabt und habe mich solchen Leuten wie Kawa oder Roland Bach gern angeschlossen. Aber ich habe mich verleugnet.

Blender, Pretender. Ich bin ziemlich schwach. Und meine Geschichte, mein Leben, mein Denken und Sein mitsamt der mir nicht zugetrauten Erlebnisse holen mich ein in der Kurve der Sättigung. Damit meine ich auch meinen Job, in welchem ich zwar noch immer bewundert und gelobt und gut bezahlt und zu halten versucht werde, ich aber heimlich und wie so oft ein Gefühl des Versagens hege - denn im Vergleich zu den Anforderungen und Querelen des cholerischen Intendanten samt seines künstlicherischen Mannes damals im Puppenhaus ist es hier eine Art von Leichtigkeit, die es mir einfacher macht, so viel Wein zu trinken und mich nicht auf die Reihe zu bekommen. #Zukunft? #Idee? #Leben?

Morgen wird um 08:00 Uhr Manuela Knabe-Ostheeren im Landesverband mit Überraschungs-Bam! verabschiedet und ich wollte dabei sein. Kann ich vergessen. Zwei Flaschen spanischer Wein sind geleert und der Rest-Riesling macht sich auf den Heimweg in mich. Schade um auch diese Verpassung. Den Rest des Tages versuche ich nüchtern zu werden, um dann am Abend bei "Magdeburg singt - eine Stadt für alle" Fotos zu machen. Weil es dieses Mal besonders ist: vor genau 80 Jahren wurde Magdeburg zerbombt und ich bin der Freiwilligenagentur und Birgit Bursee und diesem Projekt besonders verbunden, weil es mich zudem bereits bei den ersten Malen so sehr geführt hat, als die ganzen Menschen gemeinsam Lieder sangen und meinem Gefühl für ein halbwegs mögliches Miteinander eine Form gaben. Bundespräsident Steinmeier und Ministerpräsident Haseloff sind auch da. Weil alles zusammenpasst: Zerstörung Magdeburg in 1945 und dazu der 20.12.2024 mit dem verstörten Saudi-Arabischen Menschen, der mit seinem Auto durch den Weihnachtsmarkt gerast ist, sechs Menschen getötet und um die 500 Leute verletzt hat.

Auch Thomas Lange und Barbara werden da sein - die beiden habe ich nach langer Zeit (letzter Kontakt: Thomas 60. Geburtstag in Wegenstedt in 2022? mit Tobi; kurz und leider wenig persönlich) beim Kieser Training wieder getroffen und nun scheint da eine erneute Verbindung zu entstehen. Das ist gut.

Habe mir soeben den letzten Rest Riesling aus dem Kühlschrank geholt und stelle hiermit und für die weiteren Beiträge wie auch die Nachwelt vermerkend fest, dass ich mir am Montag mit sechs Bieren im Blue Note samt anschließendem Wein zuhause, am Dienstag mit zwei unglaublich schlechten und billigen ein-Liter-Flaschen Weißwein und heute am Mittwoch mit der Idee, es besser zu machen, zwei Flaschen spanischen Weißweines und dem Rest des am Montag vernunftshalber im Kühlschrank belassenen Rieslinges ordentlich die so genannte Kante gegeben habe.

Um auf das Tagebuch eines Trinkers zurück zu kommen: In meiner Wohnung ist seit der Verpflanzung der abgesägten Palme von Tobi, die sich seitdem bei mir im neuen Topf mit neuer Erde prima entwickelt, eine Kolonie von Trauermücken aufgetaucht, die ich nun zu bekämpfen versuche. Auch wenn mir die Bezeichnung "Trauermücken" sehr gefällt. Mit gelben Klebdingern und Strumpfhosen, die ich mir lieber selbst anziehe ... so! reicht jetzt. Ich bin ganz fürchterlich betrunken. Was ich für den Moment knapp befürworte, aber weiterhin sehr sehr anfeinde. Anfeinden muss.

Zweierlei Flaschen

Gekauft für "Besser Haben als Brauchen". Wie immer. Billiger Wein. Dennoch ausgetrunken. Beide Flaschen. Jeweils einen Liter. Zehn Zigaretten. Wirklich? Ja. Und? "Pardauz".

Nachtrag nächsten Tags: Es ist unglaublich. Das einfache Glas des guten Geschmacks wegen reicht bei Weitem schon längst nicht mehr; es muss so viel sein, dass sich mein Bewusstsein bekümmert zurückzieht und still verharrt, bis am folgenden Morgen sein Verwandter - der Todesstern - seine Bahn durch mein Universum zieht und eine Spur der Verwüstung aus Desorientieruntg, Sex, schwindliger Schweberei, nochmal Sex und unrühmlichen Versuchen, nach aussen wie mir selbst gegenüber eine Normalität vozutäuschen. Dann fahre ich doch noch los Richtung Büro. Mit dem Bus. Echt? Das geht? Und nur, um zum Obi zu fahren für Quarzsand und gelbe Blumenklebersticker. Und um die leeren Flaschen los zu werden. Das trifft den Punkt "Tiefe Scham" aus dem Tagebuch eines Trinkers ganz gut. Womit der Autor Eugen Egner bestimmt autobiografisch geschrieben haben dürfte. So wie ich hier.

Trinkertod

Ich habe weiterhin berechtigte Angst vor dem Totalausfall, dem Systemversagen, vor dem Horror-Crash, vor der Meldung aus einem Krankenhaus, einer Ärztin ... vor einer unumkehrbaren Nachricht. Vor so einer, die zum Beispiel lauten könnte: In diesem Stadium vielleicht noch drei, vier Monate. Oder ich stürze mit dem Bus einen Abhang hinunter. Oder meine Mutter stirbt. Oder mein Vater. Das werden sie. Das werde auch ich. Nur könnte ich mir weiterhin vorstellen, dass es mich eiskalt und rasend schnell erwischt. Jetzt bloß nicht schreiben, dass ich es ahne. Das wird später zum Karma mit Omen erklärt.

Laut Gerechtigkeitsverteilungstabelle kann aus dem Mittelwert meiner Unverträglichkeiten in Sachen Leben, Seele und Synapsen mit resultierendem Alkohol-Eskapismus nur ein negatives Ergebnis ermittelt werden, wonach ich also in Bälde unbewegt zu verwesen beginne.

Jetlag & Amerika

Wir haben uns beide arrangiert: Zuerst in der Erkenntnis, eine merkwürdige Form von Jetlag nach unserer Reise noch immer zu erleben, obwohl genau jetzt bereits eine Woche vorüber ist. Tobi merkt es, indem er länger als gewohnt schläft; ich merke es, indem ich mich nach unserer Rückkehr in der Nacht nach Mutters Geburtstag wie auch bei und nach der Silvesterparty und die Tage danach mit sehr viel nachholendem Wein ermüdet habe und sogar bis 13:00 Uhr, ansonsten 11:00 Uhr geschlafen habe und mich für nichts begeistern konnte, obwohl sogar ein neuer Bus auf mich wartet. Kälte, Regen, Wind und eine gewisse Lethargie trafen auf mich, während Tobi auf ähnliche Weise seinem Silvester-Dienst (und dem morgigen) entgegensah.

Außerdem konnten wir beide uns (ein bisschen zu spät) verständigen, dass wir derselben gewissen Belanglosigkeit anheim gefallen sind, was diesen Urlaub betraf. Das war also bisher der teuerste und sogar langweiligste Urlaub unserer gemeinsamen Zeit? Aber warum? Weil wir zu viel rumgelaufen und in NYC die "Highlights" abgerannt sind und es nicht mehr so großartig wie bspw. in 2015 empfunden haben? Wahrscheinlich ja. Weil wir somit auch weniger geniessen und die Zeit Zeit sein lassen konnten. Weil die Strecke nach Key West sich als nicht so verheissungsvoll herausgestellt hatte? Aber das stimmt wahrscheinlich nicht ganz. Worauf haben wir denn gehofft und gewartet? Dass uns am Straßenrand die große Poesie und Romantik ereilt und auf Schildern angepriesen wird? Das gibt es nirgendwo. Nochmal: Es ist nicht wichtig, wo wir sind, sondern wer wir sind. (Homer Simpson).

Das stellt ja auch vieles von dem, was wir in Zukunft machen wollen, in Frage. Ski fahren ist leicht - da gibts nichts anderes. Glück gehabt. Was aber wäre in Guatemala? Schweden? Mexiko oder Chicago? Was sind unsere Interessen? Wie war das in Italien und der Toskana? Bei Maja? Auf den Schiffen? Jana und Jörg fahren dauernd irgendwohin (da reicht bereits der Harz oder womöglich irgendeine spröde Wiese) und posten romantische, zum Teil auch schöne Bilder. Und wollen mich und uns auch immer gern mitnehmen. Ich will meistens nicht. Und Tobi noch weniger. Können wir sowas überhaupt? Was ist schön? Die selbe alte, blöde Frage.

Auf nach Hadmersleben? Für 50 Euro.

Fotografieren

Ich kann keine gute Fotos machen. Und wenn, dann gelingen sie mir nur entweder durch Zufall oder aus der enormen Masse an Fotos oder wenn ich es richtig gut vorbereitet habe. Das ist mir während unserer Reise in die USA wieder aufgefallen. Ich hab's nichtmal vollbracht, Tobi zum Zeitpunkt seines Fünfzigsten richtig in Szene zu setzen, um ein bleibendes Bild zu schaffen. Da steht ein dicker Mann im Festtagshemd im Foyer des Empire State Buildings und sieht schrecklich schlecht aus. Das tut mir weh. Nach dem Löschen der langweiligen Fotos sind für die USA immer noch 949 Fotos übrig geblieben, von denen mindestens drei Viertel nicht gut sind.

Ich hätte gern vielleicht nur 30 Fotos, die dann aber allesamt richtig gut sind und die Situation vor Ort hochwertig wiedergeben. Alles andere ist olle Schnappschusserei. Die Aufnahmen bei M'era Luna hatten das Glück, dass ich im Graben direkt vor der Bühne mit 200mm stand oder dass die Leute auf dem Festival gut aussahen. Für die Erstellung eines richtig guten Fotos fehlt mir offensichtlich das bessere Wissen über Layout, Licht, den technischen Blick. Ästhetisch klappt es ja manchmal. Immerhin. Auch wenn ich im Puppentheater für meine Shots hoch gelobt wurde (was aufgrund der dilletantischen Fotos bis dahin - und mit Ausnahme der Fotos von Vicky Kühne einfach war), habe ich das Gefühl, es nicht richtig zu machen. Tausend Fotos für 14 Tage Amerika - und davon nur wenige gut: das fetzt nicht. Darüber hatte ich bereits während unseres Aufenthaltes dort nachgedacht. Aber es ist einfach ein zu redundantes Rumgeknipse geworden. In der Hoffnung, im Nachhinein das "richtige" getroffen zu haben. Am Ende bleibt das ewig mühselige Sortieren und Kaschieren, um etwas halbwegs Schönes für die Erinnerung archivieren zu können. Das mag womöglich vielen so gehen, ich aber möchte das nicht.

Das hätte ich gern anders. Und ich wusste auch immer schon, wie: Losgehen und aus all den bisherigen Tutorials und Workshops das Wesentliche mitnehmen und es probieren. Es lernen. Wie alt ist diese Idee? Seit der Nikon Coolpix 990 im Jahr 2000 mindestens. Also 25 Jahre her. Wie immer aber bleibt es bei dem Versuch und der Rest ist semiprofessionelles Gehabe, welches überhaupt nicht stimmt.

Was mich schon wieder auf die Idee bringt, die mich interessierenden Dinge in meinem Leben richtig machen zu wollen, den überschüssigen, aufwändigen Rest wegzulassen. Das ist insbesondere beim Thema Musik aber auch ziemlich knifflig. Vielleicht ist es besser, sowas nicht allein zu probieren. Jedoch hakt es auch da wieder, wenn ich "allein will und nicht kann".

Vorhaben

Grips & Fresse. Vorurteile sein lassen, abwarten, beobachten. Kucken statt Kotzen. Tee trinken. Gras statt Wein. Der Realität etwas mehr Raum geben. Freundlich bleiben. Den Gründen eigener Unzufriedenheit sofort auf den Grund gehen, es ändern und sich mir zum Freund machen. Der Rest passiert automatisch. Wie zum Beispiel Musik. Und ggf. Menschen.

Der Sinn des Lebens? Nun, es ist wirklich nichts Besonderes: Seien sie nett zu Ihren Nachbarn, vermeiden sie fettes Essen, lesen sie ein paar gute Bücher, machen sie Spaziergänge und versuchen sie in Frieden und Harmonie mit Menschen jeden Glaubens und jeder Nation zu leben. (Monty Python 1983)

NYC & Miami Beach

Ich bin gevielteilt. Die ganzen Empfindungen wechseln so schnell hintereinander und fordern Spielraum für Interpretationen, wofür die Zeit nicht reicht. Die meisten davon sind nicht schön. Ich bin nicht schön. Aber erkältet. Seit kurz vor der Reise. Ich dachte, es hat sich in 3-4 Tagen erledigt. Hat es nicht. Heute ist der 26.12. und  es ist noch immer nicht ganz fertig.

Egal, das dürfte nur ein Teil dessen sein, was mich so zaudern lässt, diese Reise als schön empfunden haben zu können. Im Moment trinke ich ein Gin Tonic und ein Bier in der Tavern Bar und bin sofort sehr betrunken. So wie den ganzen (nüchternen) Tag stehe ich merkwürdig neben mir. Parallelwelten. Wie in einer Art Trance oder unter Drogen durchlebe ich zeitgleich zwei Zustände. Irreal. Wie im Schlaf mitsamt Traum, um zwischenzeitlich kurz zu erwachen und zu hoffen, gleich wieder weiterschlafen zu können. Autofahren über die dicken amerikanischen Highways geht erstaunlich leicht dabei. Trotzdem wie im Autoscooter ohne Angst vor Gefahr. Könnte was mit Verrücktwerden zu tun haben.

Was ist los? Was ist passiert? Homer: Es ist nicht wichtig, wo wir sind, sondern wer wir sind. Mein Zusatz: und wie wir sind.

Ich benehme mich vermutlich schlecht gegenüber Tobi und vermute, es liegt wie so oft daran, dass ich mehr will. Mehr als anständig und geruhsam durch diese Welt hier oder anderswo schlendern, nur wenig wagen und ebenso wenig ausprobieren. Es erinnert mich wie so oft an meinen Brief an meinen Freund. Der sich dahin gehend nicht erfüllt hat.

Womöglich tue ich ihm in vielen Dingen Unrecht und am ollsten ist, dass ich das hier tippe, während wir zusammen im Croydon in Miami Beach auf dem Bett bei einer sehr schlimmen Dolly Parton X-mas Show aus 2022 sitzen, statt es uns zu erzählen.

(aber hier muss ich jetzt pausieren, denn heute läuft erstmals seit USA der Wein bei mir und ich möchte versuchen, es sachlich zu halten, was auch nüchtern sehr schwer ist, wenn meine Reflektionen wie Blitze durch die Gemengelage meiner Gefühle zischen.)

… zum Ende hin wird alles plötzlich gelöster, fast schon so, wie es eigentlich die ganze Zeit sein hätte sein sollen. Das kenne ich von manchen unserer längeren Wochenenden, an deren Ende wir beide merkwürdigerweise immer etwas fröhlicher scheinen bzw. sind. Das ist aber falsch herum, oder?

Ich komme hier nicht weiter und belasse es bei der Beschreibung der kaltnassen Füße in New York, der latenten Langeweile und meine sieben Schritte, die ich merkwürdigerweise immer voraus gehe.
(Beitrag begonnen am 26.12.24 in Miami und beendet am 01.01. auf der Couch)

I didn't have a Cheesecake in New York City. Any requests?

Experiment im Flug

Das ist interessant: wir sitzen im Flugzeug von Miami nach London. Acht Stunden und wir wissen, worauf wir uns einlassen. Nun gut, die Lieblingssitzplätze waren beim Online Check-in nicht mehr zu haben. War zu erwarten, weil die im Vorfeld extra verkauft werden. Nicht schlimm;  die beiden, die uns zugedacht waren, sind auch okay. Immerhin ist es die extended economy mit schnellerem Boarding und mehr Beinfreiheit. Vor uns sind zwei Reihen merkwürdigerweise frei, auch wenn sie beim Check-In nicht verfügbar waren. Um so besser, also kann ich mich nach dem Start dort niederlassen und wir beide haben jeder mehr Platz.

Soweit zum Intro. Jetzt gehts los: ein älterer Mann wird von seinem besorgten Sohn oder Schwiegersohn aus der Economy nach vorn in "unsere" Abteilung gebracht. Es gehe ihm nicht gut und er brauche einen bequemeren Platz oder sowas. Wir ahnen den Fortgang und die Bedeutung der Geschichte? Sehen wir es uns an: So sitzen beide also in der freien Reihe vor mir. Okay, vielleicht geht es dem Mann ja wirklich schlecht. Nun kommt noch eine Frau dazu. Tochter oder Schwiegertochter. Ach so, offensichtlich wichtig hierbei: es handelt sich um Englisch sprechende Menschen südländischer (?) Herkunft. Auch sie scheint sehr besorgt und setzt sich vorsichtshalber auf den dritten Platz jener Reihe. Irgendwann wird die Besorgnis deren Schlaf überlassen und meine Sorge ist, dass sie ihren Sitz zurück klappt. Wegen eben dieser Bein-Freiheit bin ich ja eins nach vorn gerutscht. Macht sie nicht. Noch nicht. Dafür kommt jetzt eine weitere Frau, um Erkundigungen bei Frau Eins einzuholen und den Schlaf sein zu lassen.

Alles in allem nichts Besonderes, wenn ich nicht merkwürdigen Gedanken anheim fallen würde: Deren Monitore mit Filmen, Flight-Stats etc. funktionieren. Meine nicht. Einer meiner zweiten Gedanken ist "Familienzusammenführung". Die zweite Frau hat keinen Platz in der extended Economy ergattern können. Wollte sie das überhaupt? Dennoch scheint meine Ruhe betrüblich beeinträchtigt.

Jetzt kommt eine freundliche Stewardess und fragt, ob zwei links von mir - wo ich meine Tasche aus irgendeiner Voraussicht platziert habe - jemand sitze. Ich verneine, räume die Tasche weg und sie erzählt mir, dass es einen Passagier gebe, dem es nicht so gut gehe und der etwas Freiraum brauche. Meine spontane Antwort kam geradezu geschossen: " I hope, it's not a trick.". Hui, wo kam der denn her? Sie versichert mir, dass kein weiterer Passagier neben mir platziert würde und natürlich ist es okay.

Dann kommt er: ein etwas dicklicher Ami oder Engländer, der sich gleich Platz verschafft und mir zudem verrät, dass er in der Mitte sitzen wird. Wird er nicht. Und das sage ich ihm deutlich. Also fügt er sich, setzt sich auf den äusseren Platz, macht sich Musik und TV an und lässt es sich besser gehen. Vorsicht Polemik!

Wahrscheinlich ist sowas allgegenwärtige Praxis auf diesen Flügen, jedoch komme ich nicht umhin, dem Ganzen mit gewissem Argwohn zu begegnen. Auf das Wesentliche reduziert, säßen Tobi und ich auf E und F in einer Reihe zusammen mit einer schlanken Dame und hätten nichts zu bemerken, egal wer vor oder hinter uns sitzt. Ich luxuriose sogar in einer freien Reihe ganz für mich und sogar ohne Vorderleute, die mir den Beinraum knapp machen würden. Dann kommen aber doch Leute und scheinen mir diese Freiheit gefühlt zu nehmen bzw. einzuschränken. (Wie zum Beweis verschafft sich Schwieger/Sohn auf dem Mittelsitz vor mir jetzt vollständig Platz mit der Lehne ganz nach hinten. Wenn das die Frau jetzt auch machen würde, riefe ich laut in das schlafende Flugzeug: "Siehste!") Ich bin also geneigt, dem proklamierten Unwohlsein des älteren Herren keinen Glauben schenken zu wollen und dafür in Richtung Schmarotzerei zu tendieren. Ganz dünnes Eis, aber jetzt weiss ich, wie sowas also durchaus entstehen könnte. Wahnsinnig gefährlich.

Alles in allem eine interessante Beobachtung. Leider jedoch an mir. Und der größte Ärger ist: auf diesem fucking Tablet lässt es sich so gut wie nicht schreiben. So, wer ist hier jetzt womit genau unzufrieden?

28.12.2024 gegen 21:42 Uhr auf 12.000 m Höhe in wahrscheinlich einer anderen Zeitzone, die hier überhaupt keine Rolle spielt, habe ich dann doch nicht "Siehste!" gerufen, als Frau Eins dann tatsächlich doch noch ihren Sitz zurückklappte und ich jedoch entrüstet mit meinen Knien an ihrer Lehne rüttelte, um ihr mitzuteilen, dass ich ganz furchtbar leide. Sollte sie die zweite Stufe wagen ... ach naja, es und ich werden dadurch nicht besser. 

Siechtum und Zerfall

Sehr gern möchte ich diese Zeilen später wieder lesen und versuchen, mich an den Zeitpunkt und die Situation jetzt und hier zu erinnern und heilfroh sein, es überstanden zu haben. Große Worte, ich weiß, aber das elendige Gefühl ist enorm und setzt sich zusammen aus jahrelangem Alkoholübermaß inklusive dem (ewig) gestrigen, dem natürlichen Alterungsprozess, der einhergehend mit dem vielen Wein eine schnelle Entwicklung mit teilweise stark gefühlter Hilflosigkeit zeigt. Wenn ich dann überlege, dass wir morgen nach New York reisen, stelle ich mir vor, dass wir abstürzen oder die Koffer zerstört oder wir entführt oder erschossen werden ... also alles Horrorszenarien, die mein Kopf sich auf meiner aktuellen Basis gerechtfertigt ausmalt. Die Rettungszentrale sendet schnell einen fetten Erkältungs-Husten in der letztmöglichen Hoffnung, mich vom Wein fernzuhalten. Und so weiß ich nicht, was welcher Ursache geschuldet ist und hoffe, morgen einen Großteil davon los geworden zu sein. Männergrippensymptomatik. So vieles fühlt sich schwer und knapp an, alles ist vakant und waghalsig, tapsig und unbeholfen - eine Form von Zerfall, dem dringlich Einhalt geboten werden muss.

Das könnte klappen, morgen genau um diese Zeit sind wir Richtung London in der Luft und danach weitere 10++ Stunden unterwegs und ich habe große Hoffnung auf verschwindende Erkältungssymptome und mehr Erleben als Ersaufen. Damit das hier keine Todesanzeige wird.

Noch ne Woche Hammerschlag

Alles Ausreden, ich weiß. Diesmal muss der Weihnachtsmarkt herhalten, der gestern zu Ende ging. Glühwein, Bier, Glühwein, Bier und zuhause die unstoppable Gier nach Wein. Und immer wieder der Blick auf bevorstehende Ereignisse, die mich ganz sicher davon abhalten. Nächstes wäre New York am Sonntag. Ist noch ganricht richtig bei mir angekommen und doch dabei ein so großes Ding.

Derweil wütet eine riesige Panik hyperchondrisch in mir herum, wonach es also absolut gerechtfertigt sei, die übelste Krankheiten oder Schlaganfälle oder spontanes Aussetzen aller Körperfunktionen zu erleiden. Das rührt wohl aus den alten Angst-Mustern von Tat & Bestrafung. Ich hätte gern Tat & Lob implementiert, es liesse sich leichter damit umgehen. Und es könnte eines Tages dazu führen, in den Beitragskategorien endlich mal nicht "alc" auswählen zu müssen. Hier ist nämlich gerade alles alc. Und indem ich es aufschreibe, versuche ich die Schwere der Schuld aufzuteilen. Die Absolution des Tagebuches. Schöner Titel.

Wir haben gestern mit Canapé-Jule und Jens Radtke festgestellt, dass es sehr hilfreich ist, älter zu werden, weil die Gelassenheit steigt, die Wahrheit überwiegt und die Freunde weniger und dafür besser werden. Was will ich damit hier sagen? Ich sehe wirklich ziemlich gut und sportlich aus und manchmal ist da so viel Sex dabei, dass ich selbstverliebt der einzige zu sein scheine, der mit genügen könnte und ich wie immer im unklaren Universum weiterfische. Mal im Trüben, mal im Hellen.

Jetzt sind wir an der Reihe

Was für eine Woche das gewesen ist - so durchsetzt mit vielen Eindrücken. Begonnen mit dem Abschied von Tante Inge in Lehnin mit dem Lied "Wenn alle Brünnlein fließen" und meinem Cousin, der beim Rauchen draußen folgerichtig bemerkte, dass so sachte nun wir an der Reihe sind, unsere Eltern eines Tages zu verlieren und ich bei mir dachte, dass also nach uns allen nichts mehr kommen wird.

Ines verlor Ulrike, Helge verlor alle Ehen samt Kindern; auch Marek ist in dieser Hinsicht nicht weiter gekommen und ich bin schwul und kinderlos. Aus. Das Spiel ist aus - so wird es dann heissen.

Jetzt noch schnell gut leben ... ja. Wenn das so einfach wäre. Am einfachsten wäre der Verzicht auf den Alkohol mit gleichzeitiger Sinndreingabe, das Leben mehr als nur zu wollen.

Dienstag in Wolfsburg den Millionärsbus gekauft, Mittwoch nach Berlin, Donnerstag zurück zu Tobi; Samstag Musical "Fast normal". Alles in alles mit immer und jedem Mal zu viel Wein. Der und das ist es immer: zu viel.

Der Neue

Und plötzlich geht alles ganz schnell. Gestern noch auf der sehr schönen Beerdigung meiner Tante Inge in Lehnin und heute bereits einem der dort gesagten Worte gefolgt, meine Leben zu leben und die Dinge zu tun, die ich möchte, gleich welchen Sinns sie sind. Ob Haben besser als Brauchen ist, ob 50.000 EUR mein Leben verändern - es spielt keine Rolle, so lange es mir zum Guten gereicht. Und jetzt ist es eben so und am Freitag habe ich einen nahezu nagelneuen Bus, der zwei Mal in Schweden auf Urlaub unterwegs war und sich den Rest im Wolfsburger Land aufhielt. Und der Philipp samt dem Ablauf des ganzen Geschäfts waren so viel angenehmer als damals bei den windigen Brüdern aus Vorsfelde.

Nun sei's drum, du hast noch keinen Namen und wirst vielleicht auch keinen erhalten, aber ich bin aufs Neue bereit, die Welt samt ihrer Möglichkeiten mit dir und Tobi zu erkunden.

Panik-Addons

Es spielt wahrscheinlich alles zusammen und hier ist es, was unwesentlich scheint, in meinem Delirium über für Angst & Bange sorgt. Morgen beerdigen wir Tante Inge, am Dienstag muss ich das Redaktionsteam leiten, am Mittwoch nach Berlin fahren (und so eine Story gibts hier) und Berlin wird weniger bis garnicht aufregend, obwohl die Stadt alles bereit hält. Und einen VW Bus nördlich von Wolfsburg habe ich ausfindig gemacht: noch 2.000 zu teuer, aber ansonsten Sahneschnitte. Und den Weihnachtsfilm für die IB muss ich nun endlich beginnen, er liegt schon zwei Wochen rum, weil ich Angst habe, dass die Takes zu viele Fokusfehler haben. Und dann fliegen wir nach New York und Tobi hat Geburtstag. Und ich bleibe bei Tobias, der eine Woche Urlaub hat. Und wiedermal diese beängstigende Frage: Was traue ich mir eigentlich noch zu?

Im Großen Ganzen nichts Unbewerkstellbares, aber in mir dräut sich weiter ein panisches Gefühl, wonach ich all das als zu aufregend einschätzen und es am Ende nicht hinkriegen werde. Lampenfieber, Versagensangst, Überfrachtung. Am Ende hat es bisher jedoch immer geklappt. Es ist auch die Furcht, dem Wein zu sehr zu entsprechen. Das wird der Grund sein, dessen Ursache verborgen lauert.

Panik Modus

Immer wieder kommt es mir so vor, als gelänge es mir im Großen und Ganzen dann doch nicht. Alles ist zu viel, alles übersteigt meine Fähigkeiten und ich kann weder lenken noch koordinieren. Diese tief sitzende Panik ist nicht unbegründet; ich führe sie regelmäßig ja selbst herbei oder unterstütze diese Gefahr durch massiven Alkoholkonsum. Und dieser jämmerliche Zustand aus Versagensangst und der Unmöglichkeit, mir die Zukunft überstehbar vorzustellen, schafft es sogar, mich weiter hinein zu ziehen, statt mir den Warnhinweis deutlich vor Augen zu führen.

Weil es immer wieder gut ausgeht, weil es nie die wirklich großen Konsequenzen hat, weil ich immer haarscharf am Desaster vorbei schramme. Der schmale Grat der Ambivalenz hat ganz sicher spontane Überraschungen im Gepäck. Sei es ein Schlag- oder sonst ein Anfall oder irgendwas Hypochondrisches, das plötzlich dann doch real wird. Ich weiß, das geht wieder vorbei oder mildert sich und macht den Weg für Weißwein frei. Eine Aussicht auf Freude hat es jedoch nicht.

Ich habe ein iPhone 16 Pro und damit meine Kamerasorgen für NYC und Miami gelöst. Gekauft im halbschweren Delirium, wohl wissend, dass ich diesen Schabernack später mit meinem Zustand begründen kann. Vielleicht sollte ich auf diese Art auch einen Bus kaufen. Nun ja.

Die Panik wird offensichtlich aus meinem Überlebenswillen automatisch generiert, hat Ursachen, hoffentlich Bestand genug und am Ende auch Sinn.

Micha Cohnert Chat zur Nacht

Bluenote. Trotz gestrigem erheblichen Weinkonsums mit entsprechenden Folgen samt "Mobile-Office" und Wiedergutmach-Training bei Kieser. Jetzt: Gesamt sechs Bier. Micha kam dazu. Ein weiterer Micha (Fügener) erzählte von seiner Japan Reise. Noch ein Micha mit Carlsberg-Flasche traf ein und der letzte Micha namens Keks vervollständigte die Reihe. Und dann kamen Jule (Canapé) und Daniel etwas später und ich mit hohem Puls bei 90 und wahrscheinlich hochrotem Kopf. Insgesamt großes Unwohlsein.

Wein-Micha wollte nach unseren sechs Bieren noch nicht nach Hause und stattdessen bei sich im Laden noch Wein trinken. Ich wollte nicht mit. Zuhause aber mit vielem Wein (und jetzt amtlich betrunken) dann dieser und hier abgebildete / aus WhatsApp reinkopierte Chat mit ihm, den wir im Nachhinein auch persönlich haben hätten können (yeah!); ich es aber im Chat als besser empfunden habe. Hier die ganze Kommunikation dieses Abends:

[05.11.24, 20:26:51] Micha Cohnert: Bist du zufällig im bluenote?

[05.11.24, 20:28:36] Езком: Yassir
[05.11.24, 20:31:11] Езком: Aber nicht all zu lang. Also eile!

---

[05.11.24, 23:10:06] Езком: Sorry fürs nicht mitkommen auf nen Wein; wäre zwar gut gewesen, um von dir und deinen Erlebnissen zu hören, jedoch ich bin ein bisschen durch’n Wind. Mitsamt Puls. Holen wir nach.

[05.11.24, 23:26:42] Micha Cohnert: Alles gut! War mir heute "zuviel Urlaub" in der Note. Meine Gedanken waren woanders (Eltern & co) Ist aber okay. Schade, dass wir nicht über irgendwelchen Blödsinn reden konnten. Wie Du sagst, holen wir nach. 

Ich freue mich auf nächste Woche, da kommt meine Yvonne am Donnerstag zu mir. Am Freitag fahre ich sie nach Wernigerode zu einem Wellness Wochenende mit den Mädels aus ihrer Familie. Ich hätte euch gerne bekannt gemacht. Aber leider ist die Zeit zu kurz. Ich hoffe, irgendwann klappt es. Es wäre mir sehr wichtig. Ich glaube, ihr würdet euch sehr gut verstehen.

[05.11.24, 23:30:59] Езком: Da hast du Recht: mit Mr. Fügener sind alle anderen Themen erstmal vom Tisch. Und dann wurde es zu voll. Ich vermute, du und deine Schwester habt ganz schön zu tun und zu knabbern insbesondere mit dem Zustand eures Vaters. Das ist bestimmt keiner sonderlich schöne Zeit. Wünsche dir genügend Kraft für das alles und hoffentlich ein bisschen Sonnenlicht und mit Yvonne.

[05.11.24, 23:37:21] Micha Cohnert: Was soll ich sagen, natürlich macht man alles was nur geht, wir lieben unsere Eltern. Aber es raubt auch viel Kraft und vor allem Nerven. Aber man tut alles  was nur irgendwie geht. Das Problem sind jetzt beide, Mama und Papa. Wir versuchen unter viel Mühe eine Struktur in den Alltag für und mit den Eltern zu bekommen. Das gelingt einen Tag "gut", den anderen Tag überhaupt nicht. Wir arbeiten daran.

[05.11.24, 23:39:58] Micha Cohnert: Ich hätte nie Dam gerechnet, das es uns beide so "überrollt". Also von jetzt auf gleich. Vielleicht will man es auch nicht kommen sehen. Aber jetzt ist es halt so.

[05.11.24, 23:42:01] Езком: Es wird euch zusammenschweissen, einander näher bringen und euch die Realität begreifen lassen wie auch zu meistern. Es bedarf dazu eines großen Maßes an Kraft und ich mag mir kaum vorstellen, wie heftig sowas sein kann. Und du hast Recht: „Jetzt ist es halt so.“

[05.11.24, 23:47:45] Micha Cohnert: Yvonne, obwohl sie soweit weg ist und sie ist ja halt leider auch gebunden. Sie ist so sehr für mich da! Jeden Moment, wo sie alleine ist und mit mir ungestört reden kann, ruft sie mich an. Sie schreibt mir immer. Sie ist toll! Sie gibt mir die Kraft die ich brauche. Ich war noch nie mit so einer tollen Frau zusammen. Klingt vielleicht komisch, weil wir ja nicht wirklich zusammen sind. Verrückte Welt, ich habe es mir nicht ausgesucht, aber sie macht mich glücklich und schickt mir halt soviel Kraft.

[05.11.24, 23:52:54] Езком: Pass’ gut auf, dass du zwischen der Schönheit der Hoffnung, der Zuversicht wie auch einer möglichen Aussichtslosigkeit weise zu wählen weißt. Ich kann dir sehr gut nachfühlen und weiß auch um die Gefahr wie auch einer möglichen Option, wonach sich alles ja auch wenden könnte. Ach menno, das ist so romantisch wie tragisch zugleich. Also wie das Leben selbst.

[06.11.24, 00:05:45] Micha Cohnert: Jesko, natürlich hast Du Recht, mit deinen Aussagen. Ich weiß es. Es geht nun schon seit zehn Jahren so zwischen Yvonne und mir. Natürlich habe ich diese Hoffnung, aber ich bin auch fünfzig und zum Glück auch nicht mehr weltfremd. Falls es irgendwann doch was wird, Jesko, ich wäre im siebten Himmel. Aber durch meine Lebenserfahrungen, ich genieße jeden Augenblick mit ihr. Jedes Mal wird es intensiver und das ist nicht nur meine Wahrnehmung. Ich fahre im Februar zu ihr. Sie hat alles schon gebucht. Es ging von ihr aus! Ich passe auf mich auf, versprochen! Ich male auch noch keine Bilder mit großen Herzen. Falls überhaupt, ist es ein langer Prozess. Jesko, aber sie wäre es und für mich gibt es keine besser Frau. Sie ist einfach da!

[06.11.24, 00:16:43] Езком: Was für eine wunderbare Gefühlsbeschreibung. Das ist gut, hilfreich und zuweilen sogar heilend. Denn ein gewisses Maß an Aussicht im Leben ist es, das uns an demselben hält. Lass es laufen und bleib’ stark genug, all das zu begreifen, zu begehren, zu beweinen und am Ende all dessen, was dich gerade so beutelt, als Lebenserfahrung mit auf den Weg Richtung aussichtsreicher Zukunft zu nehmen. Große Worte, ich weiß, aber eines Tages wirst du womöglich dastehen und sagen: JA!

[06.11.24, 00:21:56] Micha Cohnert: Ich bin froh, meine Gedanken mit dir teilen zu können. Weißt du, ich würde so gerne mit ihr "angeben". Das ist sie, die Frau an meiner Seite. Lernt sie kennen und entdeckt, warum ich sie liebe. 
Ich danke dir für deine gut gewählten Worte. Deine Worte bedeuten mir sehr viel und du fühlst mit mir. 
Dankeschön. Deine Gedanken hab ich heute gebraucht!

[06.11.24, 00:34:49] Езком: „Angeben“ kann ich gut nachvollziehen, wird aber garnicht nötig sein. Denn DU bist es, der sie liebt, da haben andere vorerst überhaupt keinen Anteil dran. Das machst du selbst. Hat bestimmt auch ein bisschen mit deinem Selbstbewusstsein zu tun. Kenne ich in gewissen Auszügen auch von mir. Kannst du ja für den Fall des genialen Falles immer noch nachholen 😉  
Wohlan denn, es gibt viel zu tun, zu denken, zu lieben, zu begehren, zu hoffen, zu sortieren, zu begreifen und nochmal: zu tun. Und du wirst das hinbekommen.

[06.11.24, 00:35:41] Micha Cohnert: Ich habe den Augenblick für mich jetzt auf der Terrasse gebraucht, genau wie deine Zeilen. 
Ich gehe jetzt nach Hause und versuche zu schlafen.
Bis bald, mein Freund 
Vielleicht ist es dir nicht bewusst, aber du und deine Gedanken sind mir sehr wichtig!

[06.11.24, 00:36:24] Micha Cohnert: Danke!

[06.11.24, 00:42:35] Езком: Schön vorsichtig auf dem nassen Laub! Ausrutschen ist erLaubt (haha, very witzig), aber aufstehen lohnt allemal. Mach’s gut und bleibe zuversichtlich!

[06.11.24, 00:43:54] Micha Cohnert: Ich pass auf 👀 
Das mach ich!

[06.11.24, 00:44:10] Micha Cohnert: Guten Nacht ✨

[06.11.24, 00:48:32] Micha Cohnert: Sorry, ich habe nicht nachgefragt, warum bis du durch den Wind gewesen?

[06.11.24, 00:57:41] Езком: Zuviel late night Arbeit nebst Wein vorabends und heute zu schweres Wiedergutmachungskrafttraining. Keine sonderlich gute Mischung.

[06.11.24, 01:00:33] Micha Cohnert: Ach man... Ich hoffe, es geht dir morgen besser.

[06.11.24, 01:01:13] Езком: Draußen siehts wahnsinnig gut aus. Nebel in den Gassen und echter Herbst. Gut für sämtliche Gedanken jederlei Art. Wirst du gleich sehen. Großartig.

[06.11.24, 01:04:54] Micha Cohnert: Ich sehe es. Bin immer noch auf der Terrasse. Bin nicht am Merlot vorbei gekommen. Aber gleich!
Weißt du was in der letzten Stunde schön war? Es ist die perfekte Ruhe. Nur ganz leise fällt Blatt für Blatt von den Bäumen. Sonst ist nichts zu hören.

[06.11.24, 01:10:41] Езком: Das ist es! Mehr braucht es nicht. Für den Moment. Und es ist ein Sinnbild für unser Leben. Genau so sieht es nämlich aus. Jetzt könnte ich noch mit „Carpe Diem“ kommen, aber das lasse ich besser mal.

[06.11.24, 01:15:09] Micha Cohnert: Ja. Mehr braucht es nicht. Einfach den einen Moment genießen und wahrzunehmen. Einfach das Leben zu nehmen wie es ist und in Bäume zu sehen und zu warten, wie ein Blatt zu Boden fällt.

[06.11.24, 01:22:40] Езком: Was für ein Gleichnis! Nur dass nach dem Herbst unseres Lebens kein weiterer Frühling kommen wird. Ach herrjeh, jetzt bloß nicht verrückt werden. Belassen wir es bei den Blättern, denen wir in ein paar Monaten im frischhellen Grün wieder neue Hoffnung anheim legen werden.

[06.11.24, 01:22:51] Micha Cohnert: Ich denke gerade an deine Songs und wie sehr ich es vermisse dich jetzt zu hören.  Irgendwie sehe ich mich gerade in einer deiner Songs. Sie sind so dran an Gefühlen und im Leben.

[06.11.24, 01:24:17] Езком: Gibts da einen bestimmten Song, an den du gerade denkst?

[06.11.24, 01:25:24] Micha Cohnert: Ja! Es dauert nicht mehr lange und es wird wieder heller. Anderthalb Monate noch, dann kehrt jedes Leben zurück.

[06.11.24, 01:28:11] Езком: Ach naja, Leben gibts auch im Herbst wie im Winter. Nur anders. Egal. Wie heisst der Song?

[06.11.24, 01:31:30] Micha Cohnert: Für dich tut es mir leid, aber die "Taschenuhr" holt mich immer immer wieder ab. Ich stehe hinter dem Tresen in holgers Garten und muss mich umdrehen, weil der Song mich so anfasst. Deine Stimme und Dein Text... Ein guter "Bekannter" von uns, HRK wäre auch schwer begeistert!

[06.11.24, 01:34:58] Micha Cohnert: Du kannst es einfach, du holst die Menschen ab. Ich wünschte dir mehr zutrauen zu dir selbst. Ich bin immer noch der Überzeugung, du solltest Kontakt zu unserem "Held' aufnehmen. Trau dich!

[06.11.24, 01:39:28] Езком: Ja, das war ein guter Song, der quasi LIVE entstanden ist, als ich mit Freunden unterwegs an der Ostsee war und wir aus dem Jetzt und unseren Erinnerungen erzählten. Den Rest gab Dänemark dazu und ich hab in 20 Minuten das Ding auf meinem Balkon geschrieben und mich heulfreudig darüber gefreut. Immer noch einer meiner Lieblingssongs. Ist aber meiner Meinung nach kein Kunze passables Ding.

[06.11.24, 01:49:32] Micha Cohnert: Ich sehe Dich immer noch mit deinen Kunstwerken, als Vorband bei ihm auf Tour. Du kannst das! Ihm würde es gefallen, da bin ich mir ganz sicher! Meine Gedanken spinnen gerade weiter, eigentlich müssten wir uns jetzt sehen um einen Plan zu machen. Sein Label passt auch zu dir. Verdammt! Jesko, lass uns Pläne machen. Wenn nicht jetzt, wann dann? Es ist die Zeit! Was soll passieren? Ein nein? Gut, dann ist das so. Falscher Tag. Aber was ist, wenn der Tag, der richtige ist? Trau dich! Du kannst es! HRK hat genau viele Selbstzweifel wie du, aber er stellt sich auf die große Bühne und er wird dafür belohnt. 
Jesko, mach es!

[06.11.24, 01:55:33] Езком: Okay, ich werde das mal neu überlegen. Jetzt aber muss ich mich in die Nacht empfehlen; es ist wahnsinnig spät, aber auch wahnsinnig gut. Wir spinnen weiter an diesen Ideen, wenn es etwas heller ist. Einverstanden?

[06.11.24, 01:56:22] Micha Cohnert: Einverstanden!

[06.11.24, 01:59:44] Езком: Dann uns allen eine gute Nacht. Oder wie es im grandiosen Film „Gottes Werk und Teufels Beitrag“ so schön heißt: „Gute Nacht ihr Prinzen von Maine, ihr Könige von Neuengland“. Wir sind beides.

[06.11.24, 02:02:30] Micha Cohnert: Ich lächle und ich wünsche es dir zurück. 🙏🏼

[06.11.24, 02:04:16] Езком: Ahoi, Micha.

[06.11.24, 02:04:47] Micha Cohnert: Ahoi Jesko

Die Tänzer im Licht

Ja, ich bin angegriffen. Und unausgeschlafen. Und natürlich übermannt des Weines wegen vom Vorabend. Und insgesamt nicht sonderlich erfreut alldessenthalben. Aber ich habe ein zärtliches Gefühl. In meiner Erinnerung gab es so ein Gefühl schon öfter, besonders auffällig war es beim Tönderfestival nach The Great Malarkey oder beim Filmdreh für die Lebenshilfe in Quedlinburg.

Es ist wahrscheinlich das stärkste Gefühl, das ich produzieren kann. Heute früh um 8 gab es eine Demo auf dem Domplatz, an der auch ich einen gewissen Anteil habe: Überall auf Fahnen, Schildern und T-Shirts prangt meine Grafik, das große Banner an der Bühne und an der Spitze des Zuges trägt meine Handschrift. Doch das ist es nicht. Es ist dieses enorm starke Gefühl, wenn ich die vielen Menschen sehe, die mit oder ohne Behinderung gemeinsam und in einem merkwürdigen, nahezu beiläufigen Frieden beieinander stehen. Und da ist es, mein zärtliches Gefühl für jeden Nichtsnutz, jeden Kerl, jede Frau und jeden Menschen, wenn er nur vollkommen wehrlos lieben kann.

Während ich die vielen Fotos mache, muss ich mich immer mal zwischendurch verdrücken und aufpassen, dass ich nicht anfange, hemmungslos zu heulen, was das Zeug hält. Beim Klick auf den Auslöser rinnen mir die Tränen durch die Finger und ich bin so wahnsinnig wunderbar wehrlos. Mittlerweile stehe ich sogar auf der Bühne, mache Fotos, zweitausend Leute sehen mich und bin mir nicht sicher, ob ich verheult aussehe. Alles schwimmt ein bisschen und hat für einen Moment das Universum gewechselt und mir kann überhaupt nichts passieren.

Und wieder schweife ich darüber ab, wie das wohl wäre, wenn wir uns alle ein bisschen besser vertragen, kennenlernen und miteinander umgehen könnten. Ich habe ein zärtliches Gefühl für jeden auf diesem Domplatz, auch für mich. Diese Sucht nach Harmonie kann ob der Realität mein Untergang sein, indem ich mich einfach einer gegenüber stehenden Seite anpasse und zynisch polternd, gehässig, böse und gemein gegen alles auflehne, ärgere und meine Kraft verschwende und den Möglichkeiten für etwas Besseres keine Chancen einräume. In Auszügen kann ich das bereits ganz gut.

Die Tränen trocknen und die große Welle der Gefühle wird brechen; doch musste ich es hier vermerken, weil das Gefühl so sehr stark ist, dass ich es weder unterdrücken kann noch mich ihm verweigern will.

Meine Tante Inge aus Brandenburg

Meine liebe Tante Inge ist heute früh mit 85 Jahren gestorben. (Foto vom 08.06.2024 um 20:00 Uhr bei Papas Geburtstagsfeier)

Zwei Flaschen Wein

Es ist kaum zu glauben und noch schwerer zu begreifen: Nach dem gestrigen Desaster habe ich heute die Arbeit wie sinnvolle Gedanken sausen lassen. Das Einzige, das mir zu gelingen scheint, ist: Texte in Fragmenten zu schmieden, die zwar zusammenhanglos, aber immerhin phrasenmöglich sind. Nach einem Kiesertraining mit beträchtlichen Kreislaufproblemen kaufte ich mir neben Schinken und Käse natürlich zwei Flaschen Wein, um mir beweisen zu wollen, dass ich nach solch desaströsen Tagen jetzt aber bestimmt standhalten kann. Einzwei Gläser Wein zwischen 8 und 10 und dann ins Bett, um morgen endlich anzufangen mit dem, was so lange liegen blieb.

Stattdessen sammle ich nun Kontakt-Libraries aus dem Netz, in der Hoffnung, damit in Sachen Musik voran zu kommen. Und "merkste selber" wird zu einem meiner Lieblings-Slogans. Die zweite Flasche Wein ist in Bälde (oh: gleich) erledigt. Gute Arbeit. Und das seit mittlerweile zwei Wochen geplante Video-Tutorial für den Paritätischen wird mir morgen also wieder nicht gelingen. Au warte. Morgen früh laufe ich zur Tanke und hole mir eine Flasche Schnaps. Passt doch, oder?

Eine Flasche Wein

(vorab: ich bin betrunken und schreibe hier nur in Fragmenten) "Eine Flasche Wein am Abend." Zuviel? Ja. Es gibt einen Bericht im TV über einen Journalisten namens Lorenz Gallmetzer. Fand ich gut. Sehenswert. Denn seine Story ähnelt meiner. Denn meine eine Flasche sind mittlerweile zwei. Plus Vorspiel.

Weiter: Reflektion. Wie mir von Katrin Gellrich bescheinigt, habe ich ständig damit zu tun. Das fand sie gut. Ich mittlerweile nicht. Hätte es gern einfacher. Permanente Reflektion ohne wissentliches Weiterkommen ist ein Killer. Alles wiederholt sich.

Ich versuche seit zwei Wochen ein Video-Tutorial über die angepasste CI des Paritätischen zu machen. Mehrfach getestet, aber nie in der Lage gewesen, es aufzunehmen. Warum? Weil ich immer zu versoffen aussehe. Und mich auch so fühle. Und es also bin. Jana Schirmacher: Kielstein.

Konsequenzen: Vorerst keine. Beim Paritätischen gibts immer eine erklärliche Lücke. Die ist mir selbst bereits peinlich. Ich hätte mich selbst längst rausgeworfen. Mein Wortschatz beträgt 27.298 Worte laut irgend einem Test im Web von vorhin. Also kann ich ja doch noch Radio-Moderator werden, wie ich es mir 1990 mal vorgestellt und gewünscht hatte. Mittlerweile wünsche ich mir nichts mehr. Weil ich immer betrunken bin. Drumherum lauert der Wohlstand. Also zumindest: versorgt.

Wie jetzt, nach einer lauen Woche mit Einheitsfeiertag, die ich vom letzten bis zum heutigen Sonntag mit jeweils mehr als einer Flasche Wein verbracht habe. Und das war nicht die erste Woche. Und auch nicht der erste Monat. Und ...

Es wird knapp (schon wieder oder immer noch?): Jeder neuer Tag verspricht mir, dass aus diesem Elend und meinem Unbehagen jetzt nur noch etwas Besseres, Sinnvolles folgen kann, muss und wird und ich vernünftig werde. Um am selben Abend das Gleiche nochmal zu tun. Wie auch am nächsten. Und übernächsten. Merkste selber, oder?

Immerhin kann ich es eingrenzen: Die Zeit zwischen 20 und 22 Uhr ist die Gefahrenzone. Auch ohne Bluenote. Vielleicht sollte ich in dieser Zeit Nachtläufe machen, meditieren, Musik machen, ins Bett gehen oder die Saunaswingers mit Schwimmen am besten täglich aktivieren, um danach mit maximal einem Bier ermüdet gegen 22:30 ins Bett zu fallen, um morgens frisch und motiviert eine Idee für mein weiteres Leben zu haben.

Was für eine schöne Vorstellung. Aber mal ernsthaft: Kannst du damit deine mittlerweile über 30 Jahre andauernden Alkohol-Eskapaden überwinden? Guck mal hier in der Zehnsucht nach (und im besten Fall mitsamt der Nachträge aus den Mapplethorpe Büchern 1995/95 und den "Kreisen"). Da braut sich eine Menge zusammen.

Dritter Oktober

Vor 34 Jahren saß ich in der Pablo-Picasso-Straße mit einem Tonbandgerät von Oli Rießler und einem grauen Plastikmikrophon und versuchte, Songs zu schreiben und aufzunehmen, während meine Eltern in Brandenburg weilten - ich also die Wohnung für mich hatte. Draußen skandierten irgendwelche Typen mit "Helmut, Helmut" vorbei und schrie aus dem aufgerissenen Fenster: "Ruhe da draußen!"

"Ruhe", weil ich Aufnahmen machen wollte, "Ruhe", weil ich nicht einverstanden war mit dem Lauf der Dinge, die heute vor 34 Jahren zwei deutsche Teile auf diese Art wieder zu einem machte. "A little song for our little world" entstand damals. Um ihn 27 Jahre später am selben Tag nochmal aufzunehmen. In Brandis während meiner Reha, über die ich mit Erstaunen hier, in der Zehnsucht dokumentiert, lese und mich fragen muss, wie das alles aus mir werden konnte und musste.

Entweder habe ich mich arrangiert oder bin angenehm betäubt, habe vielleicht aufgegeben oder liege seit Jahren schon unbemerkt im Wachkoma.

Junoweg

Martina hat zu ihrem Ausstand geladen. Ins Haus nebenan. Junoweg 212. Und hatte damit, bevor sie nach Berlin zieht und ihrer Tochter Katarina (Kata) nebst ihrem Patrick und dem baldigen Kind (Ende Dezember) das Haus überlässt, genau das Richtige getan: nämlich Ihre Freunde, Kolleginnen und vor allem die Bewohner des Junowegs an einen gemeinsamen Abend in ihrem Haus zu versammeln, um nicht nur ihren Abschied zu feiern, sondern die Leute hier zuammen zu bringen.

Großartig. Denn genau so sollten Freund- und Nachbarschaften bestehen: indem man, wenn auch nur für ein paar Stunden mit- und beieinander ist, sich kennenlernt, anfängliche schüchtern-kommunikative Barrieren samt derer Floskeln überwindet und damit für die Zukunft keine Möglichkeit mehr hat, es beim höflichen, quasipersönlichen Grüßen im Vorbei zu belassen. Das hat Martina an diesem Abend perfekt hinbekommen, sie war eine großartige Gastgeberin und natürlich haben diverse Getränke das gesamte Konstrukt ein bisschen erleichtert, beflügelt und damit merkwürdigerweise auch ein wenig in einen Stein gemeisselt, aus dem sich keiner mehr herausreden kann.

Wir kennen jetzt alle Nachbarn im Junoweg mit Namen und derer Geschichten, wissen also jetzt, dass Kata (Katarina) und Patrick ihr Kind im Dezember bekommen und Tobis neue Nachbarn werden, dass Nancy und Niko beide im Maritim gearbeitet haben (Nancy 20 Jahre an der Bar mit all den guten und schlechten Stories, jetzt mit neuem Job in einem Medicenter MVZ im Allee-Center; Niko wieder und weiterhin im Maritim als Koch), und was Rainer mit seinem Brunnen gemacht hat und wie er hier angekommen ist; außerdem: wie es um die jeweiligen Nachbarn bestellt ist; dass Martinas jüngere Tochter Anna und Marvin im Stadtfeld in der Matthisonstraße wohnen und daß Marvin mit seinen 24 Jahren seinen Bachelor im Wirtschafts-/Tourismus- Bereich gemacht und jetzt neben seinem Vollzeitjob den Master im selben Fach macht [und nebenbei Tobi mit Ouzo neben dem Wein sehr betrunken gemacht hat] ...

Vielleicht wendet sich das unpersönlich stille Neureform insbesondere in dieser kleinen Straße damit ja ein wenig. Und wie wir überlegten, wie viele von den alten Leuten hier versterben und wie viele solcher junger Menschen wie Kata oder Nancy und Niko hier einziehen werden, gibt es Grund zur Hoffnung, dass hier in Bälde die Straßen und Fußwege mit Kreide bemalt, die Türen geöffnet, Streiche gespielt und Kinder kurz mal beim Nachbarn abgegeben werden können. Das wäre was für mich.

Erstaunlich heute Abend war auch, wie Tobi sehr offen vor allen Anderen damit umging, dass ich sein Mann bin. Das war ein bisschen neu für mich; das hat er selten so offen gezeigt. Wahrscheinlich hat es damit zu tun, dass das hier sein Lebensraum ist und dass seine Nachbarn Bescheid wissen sollten, wie es um diese Konstellation, dass hier immer so ein Typ mit seinem VW-Bus am Wochenende auftaucht, bestellt ist. Damit das klar ist. Und mit so einem wie dem heutigen Abend konnte vieles aufgeräumt und auf einfachem wie kurzem Weg klar werden. Martinas Abschiedsparty hat an diesem Abend eine Menge bewirkt und im besten Fall anfangen lassen. Chapeau!

Sportwahn

Seit Beginn der Corona-Affäre im März 2020 begann ich meine Idee der sportlichen Aktivitäten in ganz kleinem Rahmen, indem ich in Alltagsklamotten draussen auf länger werdenden Pfaden herumspazierte und anschließend aufs Rad wechselte. Ich wähnte mich in sicheren Umständen, hatte ich doch seit einiger Zeit beim Paritätischen einen Interims-Job namens TRES, bei dem ich mit 30 Stunden und zudem mit 10-Stunden bei der Freiwilligenagentur gut aufgestellt war. (Was sich steuerlich zwar später als uncool herausstellte ... aber egal.) Im / Seit August 2021 wurde ich vollständig beim Paritätischen angestellt und es geht mit gut damit.

Seit 2020 also versuchte ich mich in der Bewegung. Zuerst das Wandern durch den Winter entlang der Moto-Cross Strecke, Diesdorf und dem "Achtsamkeits-Jakobsweg" mit dicken Händen am Ende, später dann das Walking, danach das Radfahren, bei dem ich all jene Wege entdeckte, die auch heute noch nutze. (Nachzuverfolgen ab 19.07.2021 auf https://flow.polar.com/ mit polar@2und40.com und *00).

Und meine sportlichen Aktivitäten haben sich seitdem kontinuierlich gesteigert. Ich begann irgendwann im Februar 2022 eine Art Jogging und schwamm (schon weit vorher) beim Mitternachtsschwimmen mit Homi jeweils um die 1200 bis 1500 Meter. Irgendwie bin ich erstaunlicherweise (außer beim Schwimmen) dran geblieben. Wahrscheinlich, weil ich meinen dicker werden Leib nicht mehr mochte. Und es hat sich als gut erwiesen:

Es kamen morgendliches Yoga (also eher die Übungen aus meiner Reha) dazu, das Kiesertraining hatte ich fester in meine Trainings ein bis zwei Mal pro Woche einbezogen und es kamen Radtouren hinzu, die nach und nach größere Ausmaße annahmen. Letztere wurden beflügelt durch mein neues Stevens Fahrrad, mit dem ich wesentlich besser als mit dem 20 Jahre alten Giant unterwegs sein konnte. Das führte dann von einer (small - middle- big) Tour von 12km über 35km bis zur Trogbrückentour über 53km. Das alles habe ich auch nach Corona beibehalten und intensiviert. Dazu habe ich mit den Milka-Schokoladentafeln aufgehört und kam irgendwann auf die Idee, das wunderbare Bäcker Ebel Brot durch Roggen-Knäcke zu ersetzen und von der Butter zu Bertoli oder Frischkäse zu wechseln.

Fazit: Meine Körperlichkeit hat sich seitdem sehr zum Positiven verändert. Ich fühlte mich nicht mehr so aufgeschwemmt, war nun beweglicher und empfand dazu ein ungemein schönes und sichtbares Körpergefühl, das ich trotz 50+ gemeinhin als "sexy" bezeichnen würde. Mitsamt den anrüchigen Folgen eines sexuellen Hochgefühls, das ich jedoch weiterhin nur mit und an mir selbst ausübte. (Als später eine Hämorrhoiden-Korrektur hinzukam, wurde es noch schöner.)

Eine Menge Zeit ist vergangen seitdem, die Trainings wurden sogar noch häufiger, wenn auch auch nicht effektiver. Was merkwürdig ist und wahrscheinlich daran liegt, dass es sich bei all meinen Aktivitäten nicht um echtes Training mit Idee und Plan, sondern um reine Aktivität mit einem gewissen Hang zum Wahn handelt.

Warum? Tja, das hat wiederum gewissermaßen auch mit meinem Alkoholkonsum zu tun. Wahrscheinlich als eine Art Wiedergutmachung. Ich habe mich bereits beim Kiesertraining in den 2000er Jahren in den Maschinen oft auf die Leuchtstoffröhren sehen und fragen lassen, ob das gut ist, was ich hier mache. MIt dem Training versuchte ich also sehr oft, meinen Kater wegzutrainieren. Seit den 2000ern! Das hat sich nicht besonders geändert. Naja, vielleicht doch: aber zum Schlimmeren hin.

Nun will ich nicht alles auf meinen absurden Alkoholkonsum schieben, aber ich bemerke schon deutlich, dass die wenigsten meiner sportlichen Aktivitäten aus vollständiger Nüchternheit heraus entstanden.

Zwischenzeitlich hatte ich mal folgende Idee: "Wenn du heute Abend ins Bluenote oder zum Wein-Micha gehen oder dir zuhause selbst einen überhelfen möchtest, dann nur, wenn du vorher(!) etwas dafür getan hast." Hui, das klingt ein bisschen kaputt, und auf Dauer auch nach einer schlechten Idee. Die Folge ist, dass ich zwar immerhin [gut] enorm viel Sport treibe, im Anschluss aber wie als eine Art Belohnung [schlecht] mit mir umgehe. Auf Dauer wird das nicht halten.

Und wenn ich mir die letzten Wochen (derzeitiges Datum) ansehe, war ich enorm viel unterwegs. An der Ostsee, danach am Dreetzsee und und jetzt: In der vergangenen Woche bin ich nahezu jeden Tag unterwegs gewesen. Am Sonntag sogar 80km mit dem Rad. Mit Baden im AWG See.

Nunja, ich habe mich an den Sport gewöhnt, auch wenn Laufen immer noch das schwierige Element ist und mir fast zur Abneigung gereicht. Genau wie das Bluenote, wenn ich nicht so richtig fit - also müde bin, ich aber gern der Leute wegen dorthin möchte und es mir erst ab dem 4. Bier gelingt, mich etwas besser zu fühlen. (Same procedure at Barfly im Exlibris in den 90ern, bei dem dieses Empfinden genau das Selbe war. Ausrufezeichen.) Um nach dem 7. Bier dann zuhause mittlerweile noch eine ganze Flasche Wein zu tilgen.

"Lauf davon" ist ein Song von Danger Dan, welcher mit diesem Thema zwar nichts zu tun hat, mich aber immer wieder während des Laufens an eine Story erinnerte, wonach irgend so ein Typ seinen Alkoholismus mit Laufen überwinde konnte und er später preis gab, dass ihm das Laufen das Leben - weg vom Alkohol - gerettet hatte.

Verdammt, Laufen wird es bei mir wahrscheinlich nicht. Aber es hat den Anschein, als würde ich so etwas Ähnliches probieren zu wollen. Mein Job lässt das merkwürdigerweise zu - ich bin frei und muss mich nicht erklären. Ganz im Gegenteil zum Puppentheater, als diese leidige Zeiterfassung eingeführt wurde. Zuviel Freiheit?

Es ist mittlerweile Dienstag 00:50 Uhr und ich bin ordentlich weinvoll genug, um den Dienstag Vormittag des angekündigten Regens wegen zum Mobile Office zu erklären, um mit hoffentlich genügend Ambitionen am Nachmittags zum Training zu gehen.

Wäre ich mein Arbeitgeber, hätte ich mich längst zum Gespräch gebeten oder mir im schlimmeren Fall angeboten, meinen Job zu verlassen. Erinnert mich an Jana und ihren Werdegang.

lonely drunken saturday night

Saturday Night. Lonesome. Am Abend bei meinen Eltern mit Tobi und Bärbel und Uwe, aber ohne Katrin, Steffen und die Kinder, von denen ich dachte, dass sie mit eingeladen wären und es auch eine Woche zuvor seitens Katrin bei der Geburtstagsparty (bei der das bestellte Spanferkel aufgrund einiger Kommunikationsprobleme mit dem Lieferanten aus der Gegend ausblieb und Steffen nach nach unserer beider Abreise gegen 20:00 Uhr trotz aller Gäste aus Dresden und Elena in's Bett ging) auch so klang, saßen wir also zu nur, aber immerhin sechst beim Grill im Grünen. Tobi hat am Sonntag Dienst, weshalb ich also einen jener lonesome lonely Saturday Nights vor mir habe / hatte und eben genau diesen mit schwerer Lustlosigkeit mit Wein zu füllen versuchen musste. (Musste?)

Jetzt wird's doof, denn ich habe mir eine Tour mit dem Fahrrad ausgemalt und / oder meine Winterbox rausgestellt, um einen ganzen Tag lang für derlei Dinge Zeit zu haben. Indes stelle ich für fest, dass ich nicht nur den Rest der im Kühlschrank angefangen belassenen Flasche Wein, sondern auch eine weitere, extra im Eisfach fix runtergekühlten und nun eine weitere Flasche weissen Weines vertilge, ohne recht Lust drauf verspürt gehabt zu haben, aber es nicht besser zu können. Und tadaa: ist es wieder und wie immer, dass ich en endlos langweilige Samstag-Abend TV-Shows bis hin zu Inas Nacht und der Heute Show und jetzt Jurassic Park (02:30 Uhr) ansehe, das hier schreibe und ich auf meinen Abschuss warte.

Was ich schreiben will: Ich habe es nicht vermocht, diesen Samstag zu einen geruhsamen Ende zu bringen, um mich morgen auf spätsommerliche, windlose 24 Grad voller freiheitlicher Möglichkeiten aufs Rad, über's Land, zu neuen Ideen zu schwingen; stattdessen giert es mich nach neuerlichem Wein und ich weiß bereits jetzt, dass ich es nach nahezu drei (3!) Flaschen Wein im besten Fall zur Sendung mit der Maus schaffen werde.

Das zudem außerdem Ollste dabei ist die Anzahl der Zigaretten: Aus null tagsüber werden fünfzehn zur Nacht. Wenn das reicht.

Da wo man singt

Woher kommt meine merkwürdig überwältigende Traurigkeit, wenn ich solchen Demos wie heute beiwohne? Es war nur eine halbe Stunde und es ging um Kitas und Personal und das hatte weniger mit dem Entstehen meines solchen Zustandes zu tun. Zugegeben: die gestrigen vielen acht Biere und die Flasche Wein (!) verliehen mir heute einen Zustand, der mich weder zurechnungsfähig noch irgendwie wirklich ernsthaft bei der Sache scheinen ließ; aber das Gefühl, das ich sehr gut vom "Magdeburg singt" für eine weltoffene Stadt auf dem Alten Markt kenne, war erneut nahezu überwältigend und schoß mir die Tränen hinter die sorgsam aufgesetzte Sonnenbrille.

Ist es der Moment der Gemeinsamkeit? Der Einheit? Das Eingedenken mit sich selbst inklusive positiver Ausstrahlung, Höflichkeit, Lächeln und meiner Interpretation eines liebevollen Miteinanders? In solchen Momenten rückt die Gesellschaft samt derer Menschen auf merkwürdige Weise zusammen und ich spüre etwas sehr Tiefes in mir, das sich nach solchen Momenten so sehr sehnt und möchte, dass diese Momente zur Normalität werden. Womit sie dann vielleicht wieder weniger schön werden; aber solche Gedanken zeigen bereits meine große Unaufgeräumtheit, die ich offensichtlich zu übertrinken gedenke.

In diesen 30 Minuten herrschte vollständiger Frieden in mir und jedes Kind auf den Schultern derer, die sich bemühen, es richtig zu machen, jeder sich um seine Frisur sorgende Teenager oder die dicke Kindergärtnerin mit Trommel und Trillerpfeife rührten mich so sehr, dass es ir sogar noch jetzt beim Schreiben schwer fällt, nicht verrückt zu werden.

Jana, Ulrike und ich

"Don't Worry, weglaufen geht nicht" läuft auf arte mit Joachim Phoenix und es geht um einen handfesten Trinker. Während mir das Zusehen betreffs des Themas ein bisschen unangenehm ist, schreibt mir Jana Schirmacher, dass sie heute ihren zweiteren Geburstatg feiert, mit dem sie mittlerweile 10 Jahre trocken ist.

Draußen geht der Vollmond über den stadtfeldlichen Himmel und ich habe mir Wein aufgemacht. Wie immer. Und nutze die passende Gelegenheit, zu beschreiben, wie Jana mir ihre Story vom Alkoholismus erzählt hat. Das war an dem Sonntag als wir für die IB eine Telefonansage aufnahmen, bevor ich nächsten Tags zum Dreetzsee aufbrach. Sie war bis vor 10 Jahren sehr intensiv dran am Thema, trank nahezu wie besessen und erzählte mir frei heraus, wie sich das alles abgespielt hatte. Hatte sie nur zwei Flaschen Wein im Haus, wurde sie nervös und rannte für zwei weitere Flaschen extra nochmal los. Und es gab nicht nur Wein; auch Wodka, Whisky und derlei Zeug waren im Spiel. Sie trank, bis sie ausgelassen vorm Spiegel tanzte, vernachlässigte Vieles - sowohl ihren Sohn Janni als auch ihr Arbeit. Bei dem Mann mit dem Stirnband (Roland Bartnik) in Schleibnitz fühlte sie sich nur wie eine ins Beet gesetzte Pflanze oder weitere Funktion. Und sie trank nicht nur abends, sondern bereits tagsüber, versteckte sich mit dem Auto in Nebenstraßen, wenn sie die Polizei bemerkte.

Bis es ihr eines Tages gelang, das Problem anzugehen, nachdem ihr Arbeitgeber nach vielem Hin-, Weg- und Nachsehen sie sehr direkt darauf ansprach, weil ihr Verhalten Dimensionen annahmen, die in der Bank nicht mehr hingenommen werden konnten. Erste Station Kielstein. Mit ambulanten Treffen über eine Reihe von Wochen und Monaten bis hin zur ebenso handfesten Anti-Alkoholikerin bis heute. Soweit und ungefähr zu ihren Schilderungen.

Ich war sehr interessiert und teilte ihr gleichsam mit, dass ich mir mittlerweile große Sorgen mache, was mich und das selbe Thema betrifft. Noch immer bin ich heilfroh, dass ich tagsüber überhaupt keine alkoholischen Bedarfe und im speziellen Fall "nur" ein Problem-Zeitfenster habe, welches von 20 bis 22:30 Uhr dauert. Alles, was ich in diesem Zeitraum nicht zu trinken beginne, bringt mich nüchtern und gefahrenbefreit ins Bett.

Nächste Station war am Montag nach dem Dreetzsee, als ich bei Wein-Micha und Ulrike - der aus dem Rheinland zugezogenen und historisch koryphierten Museumsfrau, die immer zu viel und zu lang erzählt - zusammen saß und sie (diesmal meines Interesses wegen nicht zu viel und zu lang, dafür aber ausreichen angetrunken) von sich erzählte, wie sie bis vor nicht langer Zeit ein ähnliches Problem hatte: Ihr für mich wichtigster Satz lautete: "Ich habe drei Jahre lang wirklich schlechte Arbeit abgeliefert." Der saß, denn das spüre ich in größer werdenden Teilen auch bei mir. Ich komme damit durch, weil ich imstande bin, viel zu überspielen und zwischenzeitlich dennoch ein paar gut gelungene Dinge zu bewerkstelligen, dennoch spüre ich, dass sich die Grenze zu verschieben droht. Es gab bereits solche Situationen (wie in einer PSW-Zeit Sendung, die ich beinahe nicht imstande gewesen war, technisch zu realisieren, weil ich mich nicht ausreichend vorbereitet hatte und glaubte, es laufe wie immer. Bis ich bemerkte, dass wir zwischenzeitlich eine andere Aufnahme gemacht hatten und die technische Konstellation nun eine andere war.) Diese deutliche Panik machte mir auch den Grund dafür klar.

Ulrike hat sich mit ihrer Chefin zusammengerauft und ist heute auf einem Level, das sie nüchtern bleiben, aber auch entscheiden lässt, wann sie sich "amtlich betrinken" möchte. Das lässt sich der Kontrolle für mich wegen schwer sondieren und ich muss aber bemerken, dass ich mit ihrer Version eher liebäugele, als es wie Jana ganz sein zu lassen. Das jedoch bedarf einer sehr gekonnten Ein- wie Aufstellung und Arbeit an mir. Denn eines ist klar: Mein Status Quo lässt nicht zu, es einfach so weiterlaufen zu lassen.

Im Film auf arte spricht gerade jemand in einer Alkoholikergruppe darüber, dass er jetzt 30 Tage trocken ist und ich habe keine Erinnerung daran, es auch nur nur mal drei Tage geschafft zu haben. Weisste Bescheid. Seit Jahren weiss ich Bescheid.

Die Tage im Norden

Vier Tage am Meer, vier Tage am Dreetzsee; die ersten mit Tobi, die zweiten allein. Zuerst in der Ostseewoge, danach im Bus. Septembermood. Das Foto dient der Abbildung meiner derzeitigen körperlichen Verfassung. Mir geht es gut und auch wenn ich wahrscheinlich nie über eine ausgewogene, durchweg positive Grundeinstellung verfügen werde, so gab es doch einige solcher Momente, von denen ich gern sehr viel mehr hätte.

Graal-Müritz und die Ostseewoge zeichnen ein schönes Bild einer möglichen rentnerlichen Zukunft. Weite Wege durch Wald, Heide und entlang am Strand, mit dem Rad wie zu Fuß. Links Warnemünde und Rostock, rechts der Darß. Huch - habe ich das jetzt ernsthaft genau so erwähnt? Versuche ich einem gewissen Realismus entgegenzusehen? Das Meer ist immer etwas mehr als alles andere, wenn es um ein Gefühl von Freiheit und Wärme geht, selbst mit anfangs dänischem, ebenso geliebtem Wetter.

In der darauf folgenden Woche wurde auf Tobis Dach eine Fotovoltaik-Anlage installiert und ich wusste die Zeit besser zu nutzen und besuchte nach 11 Jahren den Dreetzssee. Eine gute Entscheidung mit vielen Kilometern durch Wald, Feld und wunderbarer Landschaft und einem kleinen, größenwahnsinnigen Hochgefühl in den Tiefen der Weiten, als ich mich mit dem Rad auf die zum Teil durchaus beschwerlichen und damit grandiosen Reisen durch die Uckermark machte. Am Abend mit Buch und Wein unter den Sternen, am Morgen in den Dreetzsee. Es gab weniger Sex mit mir als vermutet und auch die verlegenen Versuche in der Suche auf Grindr sollten wohl eher der Anregung als einem wirklichen Zustandekommen von Stelldicheinen dienen.

Auf dem Weg nach Hause am Busbahnhof Berlin nach einem Bus Ausschau gehalten; ich bin offensichtlich der Meinung, mir nochmal einen frischen Bus zuzulegen, auch wenn der alte es tropfend und klappernd noch recht gut kann und mit 180.000 km noch in der Blüte seiner Maschine lebt.

So wars im Norden. Im Jahr 2024.

Kreislaufläufer mit neuer Couch

Irgendetwas treibt mich im Inneren um und mein Kreislauf verspielt sich in kleinen Eskapaden. Das erstere ist ist Neues, das zweite sehr wohl. Ich habe mein Blutdruckmessgerät wieder rausgekramt, um zu sehen, ob mein Gefühl mich nicht trügt. Das Gerät selbst trügt natürlich auch ein wenig, wenn zwei aufeinanderfolgende Messungen am Abend erst 150:90 und dann 137:72 ergeben. Beide Werte sind jedoch sehr ungewöhnlich für mich und nicht schön. Und das geht seit ungefähr fünf Tagen so. Das wechselt sich auch regelmäßig ab - sowohl morgens wie auch abends. Dabei ist es morgens üblicherweise besser. Alles schwankt zwischen normal und weit drunter bis exorbitant drüber. Zudem bin ich ziemlich müde und es fühlt sich oft so an, als wäre ich betrunken und bereit fürs Bett. Das betrunkene Gefühl kommt nicht von Ungefähr, denn es ist weiterhin nicht nur zu viel Alkohol, sondern auch wahrscheinlich mehr geworden bzw. gibt es keine Abende mehr ohne Wein.

Womöglich ist das eine folgerichtige Antwort meines Organismus auf diese meine Eskapaden, die nun mein Kreislauf übernommen hat. Derweil warten zwei Wochen Urlaub auf uns, von denen wir keine Idee haben, wie wir ihn zu genießen gedenken.

Eine neue Couch - nach 20 Jahren. In der Ritze gesamt 12,95 sehr alte Euros gefunden, den Rest über den Balkon geworfen und zur Kippe gebracht. Nach langer Zeit wieder ein frischer Geruch und ein neuer Style im großen Wohnzimmer. Gefällt mir gut und duftet ein wenig nach weiteren solcher Ideen.

re:new. up:date. Ausruhen, Aufwachen, Losgehen. Mit Ideen und Motivation. Ich kenne solche Tiefdruckgebiete von mir. Nur scheinen mir dieses Mal meine Umgebung oder andere Menschen nicht daran schuld zu sein. Ich kann niemanden dafür verantwortlich machen, denn die äußeren Bedingungen lassen sich gut an.

Heute vor dem Spiel des SCM (Hummel-Cup) brach auf dem Gelände ein Mensch zusammen und wurde anschließend in einen Rettungswagen geschoben, während ein Gerät um seinen Brustkorb mittels eines Bolzens zwei Mal pro Sekunde auf seinen Brustkorb hämmerte und seinen ganzen Körper wabern ließ. Es sah aus, als wäre es bereits vorbei mit diesem Menschen. Dieses Bild ist ein gelungener Abschluss meines Beitrags hier.

Parilari-Ho

Mit einer kleinen Müdigkeit lässt sich dramatischer beschreiben, was mir erstmals einen kleinen Abriss in Sachen Parität abringt. "Weich gelandet", so Mittel damals. Und das eben in der kleinen Runde bei ALu führt mir vor Augen, wie scheinbar hilfos manche Situationen sind. Da wurde ein teurer Systemiker (Björn Schmitz) eingekauft, der über zwei Tage in auswärtigen Workshops halbwegs lustige Experimente zum Selbstverständnis an und mit Leuten durchführt, die sich das gern gefallen lassen. Ich will das nicht bemängeln, jedoch kenne ich dieses Prinzip aus viel früheren Zeiten.

Und nun also sitzen fünf Damen und ich am Tisch und sollen diese eine Arbeitsgruppe "Marke /ÖA" selbständig fortführen und ich bin manchmal unschlüssig, was es werden soll. Wir reden über "Kernaussagen" und "wofür wir stehen" und wie wir "sichtbarer" werden und daß auf der Webseite genau diese Werte fehlen (wo diese Webseite doch die allererste Visitenkarte des Verbandes ist).

Ivonne Löffler lacht wirklich sehr laut und macht zudem Töne, die mindestens von einer Maschine kommen müssen; Antje steht zwischendrin ein paar mal auf und verlässt telefonierend den Raum, weil ihre Katze operiert wurde und jana meint, unsere Website sieht total überaltet aus.

Nun ist das alles nicht so schlimm, jedoch empfand ich es als eine Art hilflos schwankende Crew, die nicht so richtig weiß, wohin und wie zu steuern sei mit einem Schiff, das keines ist. So läuft das bestimmt bei vielen ähnlichen Organisationen häufig ab und ich kann das meist auch gut ertragen. Außer manchmal. So wie heute. Dann scheint mir das alles ein wenig schwammig und sogar beliebig, bis dazu ein kleiner Aufschrei kommt, der uns mit Podcasts ohne Ziel, Videos ohne Zuschauer und weiteren Slogans zur Selbstbestätigung des Daseins sichtbar machen soll.

Zehnkampf, Sex und ziemlich zart

You are Fake-News, um auf das Beitragsbild zurückzukommen. Es ist alles ein bisschen KI und Neural Engine, zu trauem ist längst keinem Image mehr. Aber es stimmt mich amourös beim Ausprobieren und der Modifikation zu möglichen Wunschabbildern.

Sei's drum. Zwei Dinge: Das erste ist einfach zu erklären: Wenn ich müde bin, ist das meist eine gute Voraussetzung für eine entspannte, milde Haltung. Habe gerade meinen Pass abgeholt und sogar die Neustadt konnte mich mit Ausnahme eines erschrecklich kläffenden Hundes nicht davon abhalten, geruhsam, freundlich und sehr friedlich zu sein. Ein schöner Zustand, den ich gern behalten würde. Nur müde wäre ich auf lange Sicht weniger gern. Dennn die Müdigkeit hält bis zum Abend, an dem sie plötzlich verschwindet, um mir genügend Raum für Bier und Wein zu verschaffen. Das wiederum lässt mich schnell, aber nicht lange einschlafen, bevor ich mich in der Frühe an mir selbst vergehe.

Sex is a returning sexy thing. Nur mal so nach langer Zeit wieder bei Grindr vorbeigeschliddert und gleich einen 38-jährigen schmalen Sozialpädagogen zum Chatten gefunden, dessen Prioritäten jedoch nicht auf schnellen Sex abzielen, sondern auf Bekanntschaft, Freunde und ggf. Freund+. Aah- das kennen wir noch von Ronald. Aber gut. Der eigentliche Nebeneffekt ist der plötzlich wiedererwachte, verschärfte Blick auf den Sex außerhalb meinerselbst, der sich insbesondere beim plötzlichen Auftauchen eines offensichtlich Franzosen im Bluenote so deutlich bemerkbar machte, dass ich ihn im Wissen um die Herzlichkeit der Franzosen nach dem sechsten Bier zum Abschied umarmte. Und was das für eine Umarmung war. Kein Klopfen oder freundliches Tätscheln - nein: es war die gefühlvolle Kraft aller Finger, die mich derart festhielten, daß die Zeit gefühlt für ein oder zwei Tage still stand. Danach war es an der Zeit für die Flucht. Denn ich bin nicht sonderlich mutig. Aber ich bin ein Zehnkämpfer. Bitte? Also los:

Derzeit sind die Olympischen Spiele in Paris und es macht ab und an Spaß, sich an den Sportarten entlangzuhangeln. Und dann fiel mir etwas ein: Ich habe häufig an mir bemängelt, dass ich in vielen Gassen der Möglichkeiten rastlos unterwegs bin, jedoch nie eine Sache zu Hundert Prozent richtig kann. Wie ein Bäcker, Korbmacher oder Schreiner. Andere redeten mir immer gut zu, dass es reiz- und sinnvoll und man auf solche Multitalente in der Gesellschaft angewiesen sei. Ich hatte auch das immer nur halbherzig angenommen, gestern aber beschlossen, dass meine selbst gefundene Antwort in den Sportarten eines Zehnkämpfers absolut richtig und gerechtfertigt ist. Keine seiner Disziplinen reicht an die der Meister ihres Faches, aber er kann 10 Sportarten: Laufen, Springen, Werfen, Schwimmen ... und auch das in einer guten, wenn auch nicht weltrekordlichen Geschwindigkeit. Da nimm'! Nimm' hin! Und glaube es. Denn es stimmt. Du hast nicht das Beste mit dem Schlimmsten verwechselt. Höre auf zu weinen! Und dann höre auf mit dem Wein! Und nimm' das hier als Songtext! Beweg' dich! Ausrufezeichen.

Und sportlich bin ich weiter auf gutem Niveau. Mindestens drei, oft vier mal in einer Woche fahre ich mit dem Rad im Sprint und auf Umwegen zu den Seen, setze mich in die Kraftmaschinen und laufe mit Musik über das Land. Und es fühlt sich ganz gut an, auch wenn das Laufen noch immer und wieder beschwerlich scheint, so bin ich doch auf gutem Weg und sehe entsprechend aus. Das verstärkt Mut, Haltung und Selbstbewusstein. Für fast alles. Insbesondere Franzosen oder so.

Kurzkonter

Nicht die nicht durchs Dorf laufende Meute kleiner Jungen, aber eine mögliche Mutmacher-Episode möchte ich hier festhalten: Dem dünnen, doch nicht wenigen Wein des gestrigen Abend entkam ich halbwegs gekonnt und hatte Zeit beim Aufstehen und Frühstücken und ins Büro zu radeln, wo mir die Idee kam, den Kopfarbeitfriseur Martin anzurufen, der mit den Worten "Du kannst sofort kommen" einen freundlichen Lichtblick verschaffte. Durch den noch immer nicht zu warmen Vormittag also dorthin und auf dem Rückweg bei Norbert vorbei, deren neuen Bus auf Fotos besehen. Dann weiter durch die erfrischende Sommerluft mit der Idee, nachher vielleicht an den Barleber zu radeln und Schwimmen zu gehen. Heute Abend gibts dann Bratkartoffeln und die andere Meute großer Jungen und Mädchen mit Biergläsern.

Nur mal nebenbei bemerkt, dass es durchaus erquicklich sein kann, auch ohne Ziel ein paar gute Dinge zu bemerken und mitzunehmen.

#edit: Bin tatsächlich mit dem Rad durch den immer noch trostlosen August-Bebel-Damm an den Barleber Half-Gay-Beach zum Anbaden gefahren. Ein ganz klein bisschen amourös war es schon; rechts neben mir ein etwas älterer Typ mit Cockring, links zwei Typen, von denen mir einer fast ein wenig interessant erschien. Jedoch spielt sich das alles nur in Gedanken ab.

Im Gegensatz zu damals in meinen Zwanzigern und Dreissigern am Neustädter See. Da habe ich es zumindest mal probiert. Und es war es so: von der Pettenkofer zum See mit einem kurzen, wichsenden Sex mit einem ungefähr gleichaltrigen Typen in den Büschen am Ufer (Mitte 90er) > oder dem Typen im Auto, als es stark regnete, wir im Auto wichsten und der mich samt Fahrrad noch nach Hause fuhr (das war schon Winckelmannstraße, also ab 2003) > oder dem anderen, selbst ernannten Psychologen aus Schönebeck, der mich lieber bei mir zuhause ganz für sich haben wollte, was ich nicht wollte und der mit mir daraufhin in meinem Bus "nur ein bisschen spielen" wollte und mir seine Finger in den Hintern schob und mich eine ganz andere Erfahrung spüren ließ. (das war zu OvG-Zeiten 1999 bis 2002 - alles also jeweils eine lange Zeit dazwischen)

Also gut, es gab dann Bratkartoffeln und Müdigkeit und hernach eine BlueNote Runde bei Jule mit Volker, Heiko, Zwiebel, Daniel, Micha, Doni, später noch Leuten wie Sarah, Stef und halbwegs bekannten Gesichtern. Jule fliegt nun in den Urlaub und das gibt mir Gelegenheit, ausser vielleicht nächsten Dienstag mal ein bisschen Kneipenpause zu machen und es zeitgleich zuhause nicht zu übertreiben. Oder es besser noch: ganz sein zu lassen und was ganz Anderes zu tun. Heute hier, morgen dort.

Julis Sommernächte

Die Romantik ist aus und kleine Jungen streifen auch nicht durch irgendwelche abendlich nach warmen Kühen duftende Dörfer. Der Stand der Realität ist weiterhin der hier: Jeder Abend ist betrunken, nur selten halten mich wenige Termine davon ab. Und auch dann bleibe ich nicht frei vom Wein. Am nächsten Tag versuche ich mit sportlichen Aktivitäten gegenzusteuern und weiß um den Unsinn, den ich immerhin noch vor mir verteidigen kann. Denn guck mal, wie ich aussehe. Der Paritätische macht alles mit und fordert nichts Konkretes ausser "Was kannst du uns raten?" Das macht mich wiederum etwas ratlos. Und ich fürchte weiterhin und wieder um mein Leben. Erst gestern verstarb Susanne Bard mit 61. Die kannte ich nur vom Namen und den Kammerspielen und dass sie Gesangsunterricht gab. Irgendein Krebs. Bei mir dann womöglich Bauchspeicheldrüsenkrebs. Gesicherte Risikofaktoren wie Rauchen und sehr hoher Alkoholkonsum sind erfüllt. Leider habe ich auch keine Zustandsbeschreibung, wie ich es denn gern hätte. Ich langweile mich manchmal und leidlich vor mir selbst, bei Tobi oder auch mit den Leuten hier, wenn wir länger als drei Stunden beisammen sind.

Wieder keine Nacht, die wir mit Reden zugebracht und wieder machte keiner den Anfang und wieder stand keiner auf und wieder schlossen wir uns nicht den andern an. Und meine Musik bleibt etüden- und stümperhaft seit Jahren auf den Saiten und in meinem Gedächtnis. Der Sommer zieht sich durchs Land, ist schön wie lange nicht und ich warte hier auf bessere Herbste. Oder sonst irgendwas.

Eins zu Eintausend

Um halbwegs zielführend zu bleiben, beginne ich positiv: Es gibt diese Momente, in denen die massive Invasion meiner törichten und nutzlosen Gedanken schwach scheint und in einer Art Zäsur verharrt. Womöglich um Anlauf für die nächste desolate Desorientierung zu nehmen, die offensichtlich keine zu sein scheint. Denn die Voraussetzungen für die jeweils vorliegenden Zustände sind zumindest an ihrer Oberfläche schnell erklärt.

Kurze Zwischenmeldung aus der Regie: "Hallo, ich bin Leonard Nimoy. Die folgende Geschichte der Außerirdischen ist wirklich wahr, und mit wahr meine ich, erlogen. Es ist alles erlogen, aber es sind unterhaltsame Lügen, und ist das letztendlich nicht die echte Wahrheit? Die Antwort lautet: Nein."

Um stabil, entspannt und erfreut, interessiert und frohen Mutes zu sein, bedarf es einer relativ leicht herzustellenden Konstellation, die postalkoholfrei oder -arm ist, keine konkret bevorstehende Ängste aufweist und dazu ein entspanntes, offenherziges Gegenüber ohne Befehls- oder andere Gewalt hat. Die Zwischenmeldung aus der Regie ließ bereits vermuten, dass ich größtenteils nie in der Lage bin, den jeweiligen Zustand richtig zu beschreiben. Im aktuen Moment des Geschehens bekomme ich es noch auf die Reihe, dann wird's verdränglich knapp - aber immer mit den selben Themen. Denn: geht's mir gut, gibts nicht viel darüber zu sagen; geht's mir schlecht, ist die ganze Welt darin verwoben und natürlich mit schuld an der Situation. Darüber habe ich bereits hunderte Bücher gelesen und jedes Mal einverständlich alles komplett begriffen - vom Kopf ins Herz und dann in den Bauch und den ganzen pseudoreisserischen Quatsch von diffusen Handlungsmöglichkeiten. Sorge dich nicht, fuck you! Im negativen Zustand bin ich ungleich kreativer, denn es gibt so unglaublich viel zu denken und versuchen, es zu überblicken oder gar zu begreifen. Und die Gruften der Gründe sind in deutlicher Überzahl und bodenlos tief.

Katrin Gellrich schrieb am Ende unserer gemeinsamen Laufbahn etwa so: "Die Kunst ist es, im Leben zufrieden zu sein [...] und wie ich dich sehe, kannst du das sehr wohl auch sein." Kann ich. Manchmal.

Die Komplexität unseres und insbesondere meines Daseins in der Wechselwirkung zum Universum raubt mir den Verstand. "Du wirst verrückt" hat Tobi jüngst gesagt. Das glaube ich gern. So viel Unzufriedenheit um mich herum, so viel schlechtes Benehmen und dazu eine gehörig offensichtliche Portion massiver Dummheit machen mich sehr unglücklich, weil es keinerlei Lösung gibt. Außer vielleicht neue Demagogen samt neuen Desastern zu wählen ... naja. Ich schließe mich selbst dabei nicht aus, versuche es jedoch immer wieder zu begreifen. Das nützt alles nichts - ich habe nicht genug Wissen und Informationen und halte mich aus nicht nur politischen Diskussionen gern raus und verspüre dazu jene immerwährende Unzufriedenheit - wie gestern erst bei meinen Eltern. Und die hat mich schon immer nicht sonderlich erfreut. Weil es nichts ändert. Es wird geschimpft, geflucht und sich enorm aufgeregt über den Zustand einer Welt, deren Bestandteil wir allesamt selbst sind, es jedoch nicht auf die Reihe bekommen oder ändern werden.

Das von van Veen besungene "positive Geräusch" verstummt im Verhältnis 1: 1000 und ich weiß mir nicht zu helfen. "Der Revoluzzer bleibt draußen" - eine neue Tob'sche Befehlszeile, die mich erst amüsiert und mir dann klar gemacht hat, wie das gern bei mir funktionieren möchte, aber nicht kann: Wie oben beschrieben, bemerke ich sehr wohl Unausgewogenheiten, Misszustände ... eben negative Situationen und Zustände, weiß aber nicht, was ich dem und wie entgegensetzen könnte, weil mir die Argumentation fehlt. Stattdessen winde ich mich mit zum Ausdruck gebrachtem Unverständnis und Ablehnung = grundsätzlich gegenredendem Revoluzzertum, was nicht selten in noch schlechtere Situationen gipfelt. Meine Bestrebungen nach Harmonie funktionieren nicht, weil ich sie weder ausdrücken noch herleiten kann. Stattdessen fange ich lieber an zu "maulen" (was für ein Wort!) und richte damit weiteren Schaden an. Immer alles negativ. Eins zu Eintausend.

Eine Gelassenheit, einen von Michel einst benannten "Gleichmut" zu erzielen und so freundlich wie schlau eine negative Situation ins Positive begleiten, ist die Eigenschaft eines guten Mediators. Und so einer wäre ich gern. Zumindest erstmal für mich selbst. Eins zu Eintausend.

Das Foto ist wahrscheinlich aus 1994 im Volksbad. Aus einer Zeit also, in der ich cool werden wollte. Und berühmt. Und nie älter als 27. Oder wenigstens schwul und mutig.

SocialWinckelPalais

Die geplante Winckelgassen-Hof-Party für heute wurde von Siggi bei den Nachbarn von gegenüber abgesagt. Weil Volker Beinbruch hat. Ich habe Volker heute Bier und Brot besorgt, schlug jedoch sein Angebot auf Balkonbier aus. Zu warm. Und keine rechte Lust. Und nun bemerke ich, dass wir alle, keine 10 Meter voneinander entfernt, jeweils einzeln das Fußball EM Spiel Deutschland Dänemark im Fernsehen gucken. Lustig. Am Ende steht es 2:0. Für Deutschland. Haargenau jjjetzt.

Trugschlussnachtrag

Was so wichtig wie erneut und immer wieder nachzutragen, anzumerken, beizupflichten und zu dokumentieren ist: Es gab nur eine Flasche Bier und ein Glas Wein, dann war der Vorrat erschöpft. Ich bemühte mich also um Gemächlichkeit. Es gelang auch. Mit leider etwas zu vielen Zigaretten und einem langweiligen Fußballspiel (irgendwas mit England-Slowenien). Geschuldet war es wie so oft dem Vortag und - wie ebenso so oft - einem vereinbarten Termin am nächsten. Diesmal im Studio zur erneuten Aufnahme eines Gesundheitsfilms für Mitarbeiter.

Jetzt die Anmerkung: Alles gelang nahezu perfekt, ich habe zudem an diesem Tag viele gute Gedanken gehabt und Dinge getan und kann mich selbst jetzt noch an die Namen der beiden Simpsons-Folgen erinnern, die ich heute morgen in der Zeitung las. DAS ... ist gut. DAS ... hat fast immer eine sehr blödsinnige Belohnung zur Folge. Und der Wein steht bereits kühl. Der Trugschluss dabei ist, es heute "schaffen" - also nicht übertreiben zu wollen.

#edit: selbstverständlich war es ein Trugschluss. Und ich muss schon sagen, dass die folgerichtige Niedergeschlagenheit und Aussichtslosigkeit eine enorme Angst bewirkt. Alle, nahezu alle anderen Menschen haben irgendetwas auf dem Plan. Ich nicht. Ich übe mich nur in sinnloser Revolution. Das wird das nächste Thema sein. Falls ich das noch schaffe.

🔒 Nur für Claude | Zehnsucht seit 1995 | 2010