Seit dem 03. Februar 2020 bin ich also Bestandteil des Paritätischen Sachsen-Anhalt. Ursprünglich als Ersatz für einen Projektflüchtling, dessen Projekt aber aus europäischen Finanzierungsgründen unbedingt bis zum Ende durchgebracht werden musste - bin ich seit 01. August 2021 der "Pressesprecher" des Landesverbandes Sachsen-Anhalt. Großer Titel. Was dahinter?
Das hier soll kein Resumé werden, allenfalls eine Zustandsbeschreibung nach einer montäglichen Beratung, die sich "Stab" nennt. Zusammengefasst: Ich weiß es nicht genau. Manchmal erscheint mir das Konstrukt unseres Landesverbandes (also Dachverband und damit keine direkte soziale Arbeit am Menschen bzw. einer Dienstleistung) zwar durchaus politisch ge/wichtig und die inhaltliche Arbeit der Referate mit ihren Fachinformationen an die Mitgliedsorganisationen ist absolut legitim. Jedoch sehe und erlebe ich auch jene hanebüchen anmutenden und breiigen Konstellationen, die sozialen Einrichtungen wahrscheinlich eigen ist und an die ich mich gewöhnen musste und weiterhin muss. Das ist schwer zu erklären und ich übertreibe das mal so: viele Arbeitskreise mit vielen Worten, viel Aufwand für manchmal wenig Wirkung, eine gewisse Behäbigkeit, Behutsamkeit, Bedächtigkeit gepaart mit dem Willen, es 'nun aber anzugehen', es richtig zu machen, moderner und den aktuellen Anforderungen gerecht zu werden. Woraus sich wieder Arbeitskreise bilden können.
Bei der Freiwilligenagentur, bei der ich 2019/20 einen zusätzlichen 10-Stunden-Auffang-Job hatte (Danke Birgit!), lief es im Workflow oft ähnlich und in den Videokonferenzen wurde eher über Feiertage als konkrete Anweisungen samt Ausführungen und derer Ergebnisse sinniert. Vielleicht stimmt das aber auch nicht und ich messe es nur an den mir gestellten Aufgaben. Ich möchte da nicht ungerecht werden und versuche es an meinem persönlichen Beispiel zu beschreiben:
Kaum hatte ich glücklich den Job ergattert, kam Corona vorbei und legte samt der damals etwas nachlässigen, aber führungsrollenbewussten Geschäftsführerin Anja Naumann alles lahm. Was mich auf die Feldwege zum Laufen und Radfahren brachte. Immerhin. Aber auch zum vermehrt benutzten Alkohol. Warum? Weil es ging. Das klingt ein bisschen billig, aber so war's. Und ist es weiterhin. Denn steter Tropfen formt den Deejay. Und das meint nicht nur den Wein, sondern auch mein Tun und Erleben und Begreifen in meinen großen Freiheiten des selbstbestimmten Lebens und Arbeitens. Es ist zu komplex für mich, es fällt mir schwer, es richtig zu beschreiben, was durchaus an genau diesem Tun, Erleben und den steten Tropfen liegen dürfte.
Ich produziere einen kurzen Dok-Film mit sozialpolitischer Attitüde, versehe ihn mit meiner eigenen subtilen Emotion; gewinne die Aufmerksamkeit der Presse und die hohe Anerkennung im Paritätischen. Und alle so: Ooooh! Ich realisiere Geschäftsberichte samt Foto, Grafik, Satz und Druck. Und alle so: Aaaah! Ich baue ein Studio auf, realisiere LIVE-Übertragungen oder Videobotschaften der Geschäftsführenden oder schneide Special-Olympics-Filme zu emotionalen Herzgreiflichkeiten zusammen, kann die Webpräsentation am Leben halten und eine neue konzipieren ... das geht noch ein bisschen so weiter und die staunenden Beifallsbekundungen für mich sind allesamt bis hin zum Vorstand hoch erfreulich.
Dann, bei solchen Stabsbesprechungen wie heute, bemerke ich die folgerichtigen Bedarfe nach mehr Inhalten, Aktionen und weit gestreuter Aufmerksamkeit bspw. im Web und stimme (insbesondere Marcel) zu. Jedoch sind die Vorstellungen von "Live-Interviews mit Moderator im Studio" oder "PodCasts" zwar legitim, machen aber nur Sinn, wenn wir genau wissen, was inhaltlich dabei rauskommen soll und ob oder wie weit wir damit auch Aufmerksamkeit und vor allem Interesse erreichen. DAS wiederum sollte meine Aufgabe sein, der gegenüber ich mich plötzlich fast überfordert sehe, weil ich es einfach nicht mehr gewohnt bin. Steter Tropfen. Genau wie meine persönlichen verwaisten To-Do-Listen fast immer den Haken der Erfüllung missen. Steter Tropfen. Neue Songs werden auch immer nur "angedacht" und suchen beim steten Rumschleppen mittlerweile jahrelang nach sich selbst. Steter Tropfen.
Konsequenzen oder Ärger sind nicht direkt zu erwarten - den Druck mache ich mir erfreulicherweise aber selbst, weil ich mich insofern vernünftig wähne, als dass ich meine Defizite selbst erkenne und der Meinung bin, reell (anständig, echt, ehrlich) sein zu müssen. Das freut mich allerdings.
Den jungen Menschen von Hotel Rimini scheint das nicht unbekannt zu sein:
Und wieder nichts geleistet, wieder nichts getan,
Ich lieg im Bett und leide wie ein toter Schwan
Lecke meine Wunden, die gar keine sind
Drehe meine Runden und leg mich wieder hin
Gib mir Arbeit, gib mir Arbeit und Struktur
Zu viel Freizeit und Ameisen im Flur.
Aber wehe, jetzt kommt einer und sagt: "So, jetzt geht's los!"