Samstag. Tobi hat Corona und wir sind getrennt. Oh. Bis zu seinem Geburtstag auf jeden Fall. Und er "braucht nichts bis Freitag". Obwohl er Nasentropfen braucht. Und Desinfektionsmittel. Oder ich könnte ihm eine Suppe machen. Oder ... nunja, das ist gespielte Autonomie. Ich hielte es für romantisch. Gibt nicht so viel zu sagen per Facetime. Na dann, bis bald.
Und da ist er wieder: dieser schwer zu beschreibende Zustand der relativen Leere. Wir beide handeln mehr zweckmäßig als romantisch, mehr schwarz oder weiss, mehr folgerichtig als waghalsig. Das ist das London ohne Küssen, Bornholm ohne nachts am Strand, Kroatien ohne Schwimmen bei Vollmond, Barcelona ohne verliebt in der Bar oder Paris ohne Liebe. Das wird oft langweilig und in mir regt sich Aufbruch samt der Hoffnung, Tobias mitziehen und zum Quatsch machen (da gibts bessere Worte für) überreden zu können. Ich kann allein nichts dagegen oder anderes tun. Hier nun endlich meine Gedanken vom Sommer aus dem "Tun & Lassen" Archiv:
Es sind die vielen kleinen Episoden, Bestandteile einer heftigen Bergtalfahrt, die es am Ende zu beschwichtigen versuchen um es schön aussehen zu lassen, aber tiefe Narben aus diesen Episoden und damit im Ganzen mit sich ziehen. Es wird schwer, die Anteile auszuloten. Ich vermute viele davon auf meiner Seite, deren Ursprung sich mir nur vage, aber immerhin etwas erschließen lassen wollen. Es hat mit dem Brief an meinen Freund zu tun, wonach ich noch nicht das bzw. den fand, den ich suchte. Und im Player laufen fast wie durch Zufall „Du machst mir noch mein Herz kaputt“ und „ein Schritt vor und zwei zurück“. In Momenten der Entspannung ist es manchmal kaum rekonstruierbar, aber derlei Situationen mitsamt der tiefen Gram sind schnell wieder da.
Paris. Ich wünsche mir die entspannte Leichtigkeit der Franzosen. Oder auch der Italiener. Notiz an mich: „was ich mir wünsche“ diesbezüglich und auch so. Bezogen auf meine Erinnerungen an diesen Urlaub. Denn daraus lassen sich die meisten Rückschlüsse ziehen.
Kommunikationsgau an der Mosel. Wenn er nichts sagt, dann mache ich halt Vorschläge. Die werden manchmal sogar vollends negiert. Je weniger er, desto mehr ich. Ich brauche Kommunikation. Vor uns geht ein älteres jung gebliebenes Paar den Berg hoch, neckt und küsst sich und kneift sich gegenseitig in Schultern und Po. „So“, sage ich, „sehen Liebende aus“. Wir müssen doch reden, oder nicht? Wegen Essen. Oder Wein. Oder ein Eis. „Waaas? Nein. Eis hatten wir schon.“ Und ich unsachlich und gereizt „mähähä“. Passiert mir öfter. Böse Stimmung. Und wenn wir tausende Eis am Tag essen, was soll's? Aber mehr kommt nicht. Jetzt ist er von seiner Currywurst nicht richtig satt und Wein haben wir auch keinen neuen. Morgen gehts nach Hause und es bleibt weiterhin schwer, das alles auszuloten. Aber es beschreibt das Gefühl, dass ich in Amsterdam, vor allem in Brügge und naja, immer wieder und damit zu oft habe. Habe fertig.
Was ist nun der Unterschied zwischen Bekanntschaft, Freundschaft, Freundschaft+ und Liebe? Und wo befinden wir uns?
Ich weiss nicht, wie ich denken soll und mich in den Griff kriegen kann. Get real- ja, aber wie? Konfus, kaputt, unausgeschlafen, unausgewogen, launisch, gelangweilt, desillusioniert, Lippe kaputt, Liebe kaputt, heiss draußen. Urlaub sollte doch jeden Tag ein schönes Erlebnis bereiten. Ich bin bereit zu glauben, dass es alles nur an mir liegt; der allein will und nicht kann, der zusammen es ebensowenig vermag. Das, was mir zum Leben gereicht: mal wieder nicht klar. Ich brauche ein neues oder anderes Universum. Am besten ohne Wein und Bier und viel Platz für meine Möglichkeiten.
(Das waren die Gedanken, die ich im Sommer 22 direkt nach manchen Situationen und recht schnell aufschrieb, um es nicht zu vergessen und irgendwann mal zu begreifen. Es ist ein häufiges Auf und Ab aus Aktionen und (Über-)Reaktionen, aus Stimmungen und Langeweile und ich fasse zusammen, dass ich mir mehr von uns beiden gemeinsam wünsche: tiefer, intensiver, lebendiger.)